Betrachtungen

Das Stammapostelamt - Weinstock oder Baumstamm?

Eine Betrachtung des Stammapostelamtes der Neuapostolischen Kirche unter Beachtung biblischer Fakten und aktueller Aussagen der Kirchenleitung!

 

Einleitung (Teil I)

Das Stammapostelamt in der Neuapostolischen Kirche (NAK) spielt ähnlich wie das Papstamt in der Römisch-katholischen Kirche eine herausragende Rolle. Ohne dieses Amt wäre die Neuapostolische Kirche nicht die Kirche, die sie ist. Viele Sonderlehren sind ohne dieses Amt nicht denkbar. Was hat es mit diesem Amt auf sich, welches sind die Eigenschaften und Besonderheiten dieses Amtes gegenüber anderen kirchlichen Ämtern? Findet dieses Amt sein Vorbild im Neuen Testament? Kann man es biblisch legitimieren? Über diese und andere Fragen möchte diese Schrift Auskunft geben.

 

Entstehung und Bedeutung des Begriffs

Woher kommt eigentlich die Bezeichnung Stammapostel? Auf diese Frage können auch viele Neuapostolische keine konkrete Antwort geben. Meistens wird auf die aktuelle Bedeutung hingewiesen.

Wie bei einem Baum, bei dem die einzelnen Äste aus dem Stamm hervorkommen und Blätter bilden, so bilden die unterschiedlichen Amtsstufen der NAK, welche aus dem Stammapostelamt (Stamm) hervorgehen die feiner werdenden Äste, während die Gemeindemitglieder schließlich wie Blätter an den Amtsträgern (Ästen) hängen (siehe Bild 1). Wer zu Jesus (Wurzel) kommen möchte, muss sich über die einzelnen Amtsstufen (Äste) mit dem Stammapostel (Stamm) verbinden.

Baumstamm01
Bild 1: Neuapostolisches Konzept der Beziehungsstruktur zu Jesus

Im Gegensatz zum neuapostolischen Konzept der Beziehung zu Gott bzw. Jesus steht das biblische Bild, welches uns Jesus selbst gegeben hat (siehe Bild 2) (2): „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ (Jo 15,5) (3) Beim biblischen Bild sind die Gläubigen direkt mit Jesus verbunden, in ihm verwurzelt.

Dass dies nicht nur für die Jünger (Apostel) gilt, bestätigt Paulus: „Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, angenommen habt, so wandelt auch in ihm, gewurzelt und auferbaut in ihm (Jesus) und gefestigt im Glauben, so wie ihr gelehrt worden seid, und seid darin überfließend mit Danksagung.“ (Ko 2,6f)

Biblisches Prinzip des Stammes
Bild 2 : Biblisches Konzept der Beziehungsstruktur zu Jesus

In deutlicher Missinterpretation der Heiligen Schrift bezieht der Stammapostel das Bild des Weinstocks auf sich, er sei nun der Weinstock: „...Somit musste auch einer unter den Aposteln sein, der Amt und Geist empfangen hat, um als Weinstock dienen zu koennen (gemeint ist der Stammapostel, Anm. d. Verf.), aus dem die Reben (gemeint sind die Apostel, Anm. d. Verf.) als Neugeburt hervorgehen. So sind alle Apostel, die heute im Werke Gottes taetig sind, aus dem Stammapostelamt und Geist geboren und stehen fruchtbeladen als Reben an dem Weinstock..." (4) (5)

Man hat durch das Bild des Baumstammes nachträglich eine Bedeutung des Begriffs ,Stammapostel‘ definiert. Man verschleiert dadurch die eigentliche Herkunft des Begriffs. Zu Beginn der ,apostolischen Bewegung‘, in der ,Katholisch-apostolischen Kirche‘ (KaK) und auch noch in der Allgemeinen christlich apostolischen Mission (AcaM) wurden die Arbeitsgebiete der einzelnen Apostel als Stämme bezeichnet. In Anlehnung an die zwölf Stämme Israels gab es zwölf Stämme (Arbeitsgebiete), für die jeweils ein Apostel zuständig war. Die Katholisch-apostolischen Apostel waren kollegial untereinander verbunden. Jeder war ein Stammapostel, nämlich der Apostel für seinen Stamm (Arbeitsgebiet). Jedoch war der Begriff Stammapostel nicht gebräuchlich und hatte nicht die Bedeutung, welche er heute in der NAK hat. Auch die Apostel der nachfolgenden Abspaltungen bezeichneten ihr Arbeitsgebiet als Stamm und waren somit quasi Stammapostel ihres Arbeitsgebietes. Hier einige Beispiele:

Katholisch-Apostolische Gemeinden:
Apostel Cardale Stamm Juda (England)
Apostel Drummond Stamm Benjamin (Schottland u. Schweiz)
Apostel Carlyle Stamm Simeon (Norddeutschland)
usw.

Allgemeine christlich apostolische Mission / Hersteld Apostolische Zendingkerk:
Apostel Schwarz Stamm Juda (Niederlande)
Apostel Preuss Stamm Ephraim (Norddeutschland)
Apostel Menkhoff Stamm Isaschar (Westfalen)
Apostel Krebs Stamm Ephraim (Norddeutschland)
usw.

In den Vorläufer-Gemeinschaften der NAK gab es neben den Aposteln für die Stämme (,Stammapostel‘) auch Stammbischöfe und Stammpropheten. Noch in der Apostolischen Gemeinde - also nach 1907 - gab es diese Stammbischöfe und Stammpropheten! Erst der Apostel Fritz (Friedrich) Krebs begann, die Macht an sich zu reißen und gab dem Begriff Stammapostel eine neue Bedeutung. Dies geschah nach der Abspaltung von der Allgemeinen christlichen apostolischen Mission (AcaM 1978) und nach dem Tode des Apostels Schwarz (1895) u.a. durch die Übernahme eines Großteils der holländischen Gemeinden der Hersteld Apostolischen Zendingkerk (HAZ) von Apostel Schwarz und durch den Ausschluss anders denkender Apostel und Amtsträger (Hoppe, van Bemmel, Fischer). Er schaffte das Kollegialitäts-Prinzip ab und machte sich zum ,Alleinherrscher‘ über die neu entstandenen apostolischen Gemeinden der so genannten neuen Ordnung (erst ab 1907 Neuapostolische Gemeinde und ab 1921 Neuapostolische Kirche). Ob Krebs selbst den Titel Stammapostel geführt hat ist fraglich, da er in den Dokumenten und in der Literatur dieser Zeit nur einmal verwendet wird: „Die erste schriftliche Abhandlung über die Begründung und Entstehung des Stammapostelamtes ist die von Hermann Niehaus herausgegebene ,Haushaltung Gottes‘. Der Autor verbleibt jedoch in der Anonymität und selbst das Erscheinungsjahr ist fraglich. [...] Der Autor ist offensichtlich der Initiator des Stammapostelamtes in der bis heute gültigen Form, denn er beschreibt die Entwicklung wie folgt: ,Dem Schreiber dieser Zeilen waren alle diese Dinge (Einordnung der einzelnen Ämter in die Hierarchie /A.d.V.) nicht nur zum Gegenstand des täglichen Gebets geworden, sondern er mußte auch unaufhörlich darüber nachdenken, damit Gott ihm Licht schenke und Abhilfe der Mißtände schaffe. [...] Nur eine Person kann und darf es sein, die dem Hausherrn gegenüber die volle Verantwortung trägt und dem alle anderen Amtsträger in ihrer gesetzten Ordnung verantwortlich sind und Gehorsam erweisen müssen, wenn Gottes Segen offenbar werden soll. Und diese Person ist einzig und allein der S t a m m a p o s t e l.‘ Da die Neuapostolische Kirche in allen offiziellen Schriften Krebs als ersten, der die Amtsbezeichnung ,Stammapostel‘ führte, bezeichnet, läge es nahe, ihn auch als Begründer und Autor der obigen Schrift zu vermuten. Doch diesem Ansinnen widerspricht die Tatsache, daß die erste und einzige Nennung des Apostel Krebs als Stammapostel in den periodischen Schriften der Neuapostolischen Gemeinde im ,Reisebericht über die Reisen der Apostel im Juli 1898‘ erfolgte. Auffallend ist auch, daß bis zum Tode des ,Einheitsvaters‘ Krebs diese Bezeichnung nicht mehr vorkommt, auch in seinem Nachruf wird nur vom ,lieben Vater Krebs‘ geschrieben. Erst sein Nachfolger Hermann Niehaus wurde ab April 1906 vermehrt als ,Einheits- und Stammapostel‘ erwähnt, und ab Dezember erhält er den offiziellen Titel: ,Hauptleiter und Stammapostel‘ der ,Neu=apostolischen Gemeinden.‘“ (6)

 

Verherrlichung (Teil II)

Die Verehrung des Stammapostels hat in der Vergangenheit der Neuapostolischen Kirche so manche Extreme hervorgebracht. So setzte sich der erste Stammapostel Fritz Krebs nicht nur über alle anderen Apostel der neuen apostolischen Gemeinden, der so genannten neuen Ordnung (7), sondern er genoss gottgleiche Verehrung: „Es ist nicht so leicht, in die Nähe des von Gott gesandten Apostels zu kommen; denn er ist nicht mein Kollege, auch nicht mein Gespiele, auch nicht mein Bruder – sondern mein Herr und Meister! Ich schämte mich immer, wenn ich in seinen Briefen an mich lese, wo er sich 'mein Bruder' nennt und sich zu mir elendem Menschen erniedrigt [...] Weinend und flehend stand Vater Krebs vor seinem Gott für uns Menschen, und ein heißer Blutstrom Christi quoll aus seinem Munde [...] Das war kein Mensch mehr, der da sprach, das konnte nur Christus sein, wie Vater Krebs das auch beim Abendmahl vorbrachte: Das ist mein Fleisch, denn ich habe die Welt überwunden, obwohl ich noch lebe.“ (8) Friedrich Krebs entwickelte die Lehre vom Christus im Fleisch der Apostel: „...daß aber Jesus Christus ins Fleisch gekommen ist und heute auch im Fleisch lebt und wirkt in seinen Aposteln, und auch in seinen Aposteln nur als einer offenbar werden will, das will man nicht glauben“. (9) Apostel Hallmann schrieb 1903 im ,Herold‘: „Wir haben Jesus Christus in dem einen Haupte, in dem lieben Einheitsvater und Apostel Fritz Krebs“ (10) Ernst Ferdinand Klein schildert folgende Begegnung mit einem Leiter der Neuapostolischen Gemeinde in Berlin, vermutlich Friedrich Krebs: „Der Verfasser der ,Zeitbilder‘ (Ernst Ferdinand Klein, Anm. d. Verf.) begrüßte einmal in einem öffentlichen Garten seiner Gemeinde eine Schar von Leuten, die dort ein Lied sangen. Er tat es im Glauben, daß er es mit Ausflüglern zu tun hätte, die irgendeiner evangelischen Kirchengemeinde Berlins angehörten. Dabei entspann sich zwischen ihm und dem Leiter der Schar folgendes Gespräch: Der Leiter: ,Ich meine nicht, daß wir Glaubensbrüder sind. Glauben Sie an Christus im Fleische erschienen?‘ Der Verfasser: ,Ja, das tue ich.‘ Der Leiter: ,Sie verstehen mich nicht, Glauben Sie, daß Christus in diesem Fleische erschienen ist?‘ Der Verfasser: ,Selbstverständlich!‘ Der Leiter: ,In diesem meinem Fleische? Glauben Sie, daß in mir Christus ist, daß in meinem Fleische Christus aufs neue lebendig geworden ist? Ich bin Christus.‘ Der Verfasser ,Nein, das glaube ich nicht, Sie armer, betörter Mann!‘“ (11) Krebs glaubte nicht nur Christus im Fleisch zu sein, er ließ sich von seinen Anhängern auch Vater nennen und glaubte, Sünden vergeben zu können: „Wir erkannten und bekannten unter der Wirksamkeit des lieben Vaters (gemeint ist Krebs, Anm. d. Verf.) unsere Sünden, und das war mir ein Bedürfnis, und wie glücklich waren wir, als wir aus dem Munde des Vaters die Worte hörten: ,Eure Schuld ist durchgestrichen mit dem Blute des Lammes, ich vergebe euch an Christi statt...‘“ (12)

Dass dies im Widerspruch zur Heiligen Schrift steht, ist offensichtlich: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Meister, der Christus; ihr aber seid alle Brüder. Nennt auch niemand auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Auch sollt ihr euch nicht Meister nennen lassen; denn einer ist euer Meister, der Christus. Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer sich aber selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ (Matt 23,8f) „Und die Schriftgelehrten und Pharisäer fingen an, sich Gedanken zu machen, und sprachen: Wer ist dieser, der solche Lästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein?“ (Luk 5,21)

Wir sollen keinen Menschen Vater nennen, Gott ist unser Vater! Nur Gott bzw. Jesus vergibt Sünden, vergleiche dazu auch folgende Textstellen: 1 Joh 1,9; Dan 9,9; Ps 130,4; Eph 4,32 und Mk 2,7. Wie weit waren doch die ,Gründer‘ der Neuapostolischen Kirche von der biblischen Wahrheit entfernt. Sie haben in großer Selbstüberhöhung ein Amt geschaffen, welches offensichtlich alle Vollmachten und Eigenschaften besitzen sollte, welche Gott bzw. Jesus allein zukommen: „Fernerhin ließ er (gemeint ist F. Krebs, Anm. d. Verf.) im Frühdienst die Worte fallen: „Brecht diesen Tempel ab - ich will ihn in drei Tagen wieder aufrichten.“ (13) „Er (Krebs, Anm. d. Verf. ) hat sein Leben zum Schuldopfer gegeben und ist aus der Angst und dem Gericht genommen, da er um die Missetat der Menschen geplagt war.“ (14) "Ihr habt gesungen: An dir allein hab ich gesündigt, und so rufe ich die drei Ältesten und den Bischof vor. Lernt daran, daß, wenn ich die Hand zurückzöge, wäre es euer Tod auf der Stelle." (15)

Auch Stammapostel Niehaus hatte offensichtlich ein großes Verlangen danach, sich mit Christus zu identifizieren. So wird berichtet: „Über das Ende von Hermann Niehaus liegen widersprüchliche Darstellungen vor. Nach der einen, die aus zuverlässiger Quelle stammt, wurde 1930 bei der Feier zu seinem 25jährigen Jubiläum als Stammapostel ein Bühnenspiel aufgeführt. Auf der Bühne befand sich eine Treppe, welche die Verbindung zwischen Himmel und Erde darstellen sollte. Niehaus wirkte mit, indem er die Rolle Christi spielte und seine Wiederkunft vorführte. Dabei ereignete sich, wohl infolge eines Fehltritts, das Unglück. Niehaus erlitt schwere Verletzungen, konnte darum sein Amt nicht weiterführen und starb 1932.“ (16)

Auch Stammapostel Bischoff, der nicht sterben sollte oder wollte, bevor Christus wieder käme, genoss allerhöchste Verehrung: „Der Stammapostel allein ist die geoffenbarte Liebe Gottes. Wer sich von ihm trennt, hat sein eigenes Todesurteil unterschrieben...“ (17)

Man wird einwenden und sagen, das sind doch alles Dinge der Vergangenheit. Wir müssen uns jedoch fragen, ob dieser Geist der Menschenverherrlichung, der in der Anfangsphase der Neuapostolischen Kirche prägend war, auch heute noch in dieser Kirche seine Spuren hinterlassen hat. Zwar wird der (noch) amtierende Stammapostel Wilhelm Leber sicher nicht für sich in Anspruch nehmen, gottgleich zu sein, er wird sich auch sicher nicht öffentlich anbeten lassen. Doch wenn man genau hinschaut genießt auch er größte Verehrung. Dies verdeutlicht der ,Europäische Jugendtag 2009‘, bei dem er wie ein Popstar empfangen wurde. ?Auch die Hysterie, die ihm in den USA entgegenschlägt, ist erschreckend. Dies kann im Internet-Video-Portal Youtube überprüft werden. Dort wird er, ebenso wie sein Vorgänger im Amt, Richard Fehr gefeiert wie ein Star.

 

 

Hysterisch kreischende Jugendliche bereiten dem Stammapostel Wilhelm Leber einen euphorischen Empfang. (18)

 

 

Die Jugendlichen widmen dem Stammapostel einen Rap, welcher auf dem US-amerikanischen Jugendtag 2007 vorgetragen wurde. (19)

Der Stammapostel lässt sich das alles offensichtlich gerne gefallen. Auch in Deutschland lässt sich Wilhelm Leber wie ein Star feiern: „Tosender Beifall und standing ovations für den Stammapostel und seine Begleiter: Um 14 Uhr 30 kehrten die Apostel in den großen Saal der Philharmonie zurück und gesellten sich mitten unter die Jugendlichen.“ (20) Die Vergabe von Autogrammen scheint für den amtierenden Stammapostel kein Problem zu sein. Auch Fotos seiner Füße werden zuweilen meistbietend bei Online-Auktionsplattformen (für einen guten Zweck) versteigert: „Um Autogramme wird Stammapostel Wilhelm Leber häufig gebeten. Meistens unterschreibt er in Gesangbüchern.“ (21) „,Die Mittagsstunde mit euch war schön – wenn auch etwas anstrengend‘“, begrüßte der Stammapostel im Anschluss die Jugendlichen und spielte damit auf die zahlreichen Autogramme an, die er während der Pause gegeben hatte.“ (22)

Wenn Jesus uns dient, wie kann dann ein Mensch mehr Verehrung in Anspruch nehmen als Jesus? Ist es nicht anmaßend und im höchsten Maße verwerflich, wenn Menschen Verehrung für sich in Anspruch nehmen und damit Jesus die Ehre rauben? Wenn jemand dienen will, wie kann er sich dann wie ein Popstar feiern lassen? Jesus sagt dazu: „Ich (Jesus, Anm. d. Verf.) nehme nicht Ehre von Menschen, aber bei euch habe ich erkannt, daß ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre von dem alleinigen Gott nicht sucht?“ (Jo 5,41f)

 

Das Felsenamt (Teil III.)

Im Zusammenhang mit der Sonderstellung des Stammapostels als das Haupt der Apostel wird auf das so genannte Felsenamt des Simon Petrus hingewiesen: „Das Stammapostelamt ist das Felsenamt, das Jesus für die Urkirche dem Apostel Petrus anvertraute. Damit verbunden war auch die Schlüsselgewalt und der Auftrag, der Herde Christi als erster Hirte zu dienen.“ (23) Auch heute noch findet diese Begründung ihre Anwendung. So äußerte sich der amtierende Stammapostel Wilhelm Leber wie folgt: „Wir stehen auf einem Felsen. Ich erinnere daran, dass Jesus einst zu Petrus sagte: 'Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen [...],‘ (Matthäus 16,8). Wir, als die Gemeinde, stehen auf dem Felsen. Solange wir mit diesem Felsen verbunden sind, haben wir Kraft. Diese Kraft befähigt uns, den Teufel zu überwinden, ja alle Geister zu bezwingen. Aber wenn man nicht mehr auf dem Felsen steht, wenn es anderen Mächten gelingt, diese Verbindung zu unterbrechen, dann verliert man sofort seine Kraft. Dann ist man nicht mehr gesegnet. Dann verliert man den Glauben und kann die Liebe Christi nicht mehr wahrnehmen. Deshalb ist es so wichtig, auf diesem Felsen gegründet zu sein, mit dem Stammapostel verbunden zu bleiben, [...] Ich möchte euch deshalb die Botschaft ins Herz legen: Bleibt auf dem Felsen, fest verbunden mit dem vom Herrn gegebenen Amt! Lasst euch davon nicht trennen, ...“ (24) Die Bibelstelle zu dieser Behauptung lautet: „Und ich (Jesus) sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches sollen sie nicht überwältigen.“ (Matt 16,18)

Wir müssen diese Textstelle wörtlich übersetzen, um der tatsächlichen Bedeutung auf die Spur zu kommen, und wir müssen ebenso den Kontext betrachten: „Und ich auch Dir sage: - Du bist Petrus (petros), und auf diesen, Felsen (petra) werde ich bauen meine - Gemeinde,...“ (Matt 16,18 Interlinearübersetzung) Im Griechischen bedeutet das Wort ,petros‘ Stein oder losgerissenes Felsstück und entspricht dem aramäischem Wort ,Kephas‘. ,Petra‘ bedeutet Fels und ist kein kleiner Stein. Jesus möchte also deutlich machen: Petrus ist ein Stein, und auf den Felsen will er seine Gemeinde bauen. Wer oder was ist der Felsen? Ist dies tatsächlich Petrus? Aus mehreren Gründen kann dies nicht sein.

  1. Petrus selbst versteht die Aussage Jesu nicht im neuapostolischen Sinn, denn er selbst bezieht nicht nur den Felsen (petra), sondern auch den Stein (petros) auf Jesus: „Da ihr zu ihm gekommen seid, zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist,...“ (1 Petr 2,4) Auch Paulus bezieht das Bild des Steins und des Felsens auf Jesus: „...wie geschrieben steht: »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!“ (Röm 9,33) Siehe auch 1 Ko 10,4.
  2. Auch die übrigen Jünger verstehen die Aussage Jesu nicht im neuapostolischen Sinn. Sie sahen die Worte Jesu an Petrus nicht als Zuweisung eines besonderen über ihnen stehenden Amtes. Ansonsten hätte es die Frage nach dem Größten unter den Jüngern kurz vor Jesu Tod am Kreuz nicht gegeben. Siehe dazu: Matthäus 20,20ff und Lukas 22,24ff
  3. Das einzige Fundament, auf dem die Gemeinde Christi gebaut ist, ist Jesus selbst: „...auferbaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selbst der Eckstein ist, in dem der ganze Bau, zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn,...“ (Eph 2,20-21) „Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1Ko 3,11) (siehe auch Matthäus 21,42). JESUS ist der Eckstein, das Fundament, der Fels, auf dem die Gemeinde gebaut ist.
  4. Petrus selbst ordnet sich unter (Apg 8,14ff), muss sich vor den anderen Aposteln verantworten (Apg 11,1ff) und bezeichnet sich selbst „nur“ als Mitältester (1 Petr 5, 1). Er bezeichnet Jesus selbst als den obersten Hirten (1 Petr 5,4). Das alles passt nicht in das Bild eines ersten Stammapostels Petrus!

Sollte Petrus das Fundament der Kirche bzw. der Gemeinde bilden, muss man sich fragen, ob er dazu als fehlerhafter und schwacher Mensch gut geeignet gewesen wäre. Man denke z.B. an das dreifache Leugnen, Jesus zu kennen (Mk 14,66ff) oder an das unaufrichtige Verhalten in Bezug auf das gemeinsame Essen mit Nichtjuden (Gal 2,11ff). Die lehrmäßige Grundlage der Apostel liegt uns heute schriftlich als Heilige Schrift vor. Die „Initialzündung“ zur Entstehung der ersten christlichen Gemeinden haben die Apostel zu Pfingsten gegeben. Insofern spielt Petrus - man denke an seine Pfingstpredigt und an seine Briefe - eine Rolle. Er hat seinen Stein (petros) in das Gebäude der christlichen Gemeinde wie alle anderen Apostel des Herrn auch eingefügt.

Dass Jesus hier den Stein (petros / Kephas) mit dem Felsen (petra) gleichsetzt, kann also nicht sein. Auch deshalb nicht, weil das Wort petra im Neuen Testament als Fels wiedergegeben wird und damit echter Felsen bzw. im übertragenem Sinn Jesus gemeint ist (siehe: Matth 27, 52 u. 60; Luk 8, 6 u. 13; Off. 6, 15 u. 16; Matth 7, 24 u. 25). Was also meint Jesus in Matthäus 16,18? Dazu ist es hilfreich, die vorhergehenden Verse zu lesen: „Als aber Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger und sprach: Für wen halten die Leute mich, den Sohn des Menschen? Sie sprachen: Etliche für Johannes den Täufer; andere aber für Elia; noch andere für Jeremia oder einen der Propheten. Da spricht er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Sohn des Jona; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel! Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches sollen sie nicht überwältigen.“ (Matt 16, 13-18) Es werden alle Jünger gefragt, was die Jünger glauben, wer er sei, Petrus antwortet für die Jünger und gibt ein einzigartiges Bekenntnis für die Jünger ab! So bezieht sich das von Jesus an Petrus gerichtete Wort vom Fels (petra) nicht nur auf Petrus, sondern auf das Bekenntnis des Petrus und der übrigen Jünger, dass er der Christus (Messias) ist. Der Fels ist Jesus, der Christus, der Messias der Welt! In einem weiteren Sinn könnte man auch sagen, dass dieses Bekenntnis der Jünger und späteren Apostel die Grundlage für den Bau der Gemeinde bildet (Eph 2,20). Jesus spricht nicht nur zu Petrus, alle Jünger hören mit. Nicht nur Petrus ist angesprochen. Dies wird in der Tatsache deutlich, dass er sagt; „Und ich (Jesus) sage dir auch...“ Ein spezieller ,Petrus-Auftrag‘ wird auch dadurch negiert, dass Jesus die so genannte Schlüsselgewalt nicht nur dem Petrus überträgt, sondern an anderer Stelle auch den übrigen Jüngern: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, das wird im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Matt 18, 18)

Zusammenfassung

Die Theologie der Neuapostolischen Kirche in Bezug auf das Stammapostelamt als Felsenamt ist auf Sand gebaut. Petrus war ein Stein im entstehenden Gebäude der Gemeinde Jesu. Er galt wie Jakobus und Johannes als Säule (Gal 2,9) in der frühchristlichen Gemeinde und hatte zu Pfingsten eine bedeutsame Evangelisationspredigt gehalten. Doch hat sich Petrus weder selbst als Stammapostel im neuapostolischen Sinn gesehen, noch haben dies die übrigen Apostel getan. Petrus war ein Apostel wie jeder andere Apostel des HERRN. Er hatte keine übergeordnete Stellung unter den Aposteln. Jesus selbst ist der Fels und der Grund, auf dem seine Gemeinde gebaut ist. Nicht ein Mensch, sondern Jesus ist das Haupt seiner Gemeinde, seines Leibes!

 

Das Haupt der Apostel

Zum Status des Stammapostelamtes gab es in den letzten Jahren einige Änderungen und Korrekturen. Sind diese Korrekturen weitgehend genug, um sich in Bezug auf dieses Amt auf der biblischen Grundlage zu bewegen?

Wenn in den Statuten der Neuapostolischen Kirche International (NAKI) noch 1990 davon die Rede ist, dass der Stammapostel das sichtbare Haupt der Kirche Christi ist und Jesus das unsichtbare Haupt: „Jesus Christus ist das unsichtbare Haupt des wiederaufgerichteten Erlösungswerkes Gottes; der Stammapostel ist das sichtbare Haupt der Kirche auf Erden. Er ist oberste Instanz in allen Angelegenheiten und nimmt im Kreis der Apostel den ersten Platz ein.“ (25), so weiß man heute, dass die Kirche Christi nur ein Haupt haben kann: „Jesus Christus ist das Haupt der Kirche. Der Stammapostel ist das Haupt aller Apostel; er leitet die Kirche zusammen mit den Aposteln.“ (26)

Interessant ist, dass wir nichts dergleichen in der Heiligen Schrift speziell im Neuen Testament finden. Dort gibt es keine Abstufung der einzelnen Apostelämter in Stammapostel, Stammapostelhelfer, Bezirksapostel, Bezirksapostelhelfer und Apostel. Eine solche Hierarchie ist der Bibel fremd, dies sind Erfindungen der Neuapostolischen Kirche. Vielmehr wird deutlich, dass ein „Demuts-Prinzip“ in einem kollegialen Kreis der Jünger von Jesus angemahnt wird: „Es entstand aber auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte zu gelten habe. Er aber sagte zu ihnen: Die Könige der Heidenvölker herrschen über sie, und ihre Gewalthaber nennt man Wohltäter. Ihr aber sollt nicht so sein; sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist größer: der, welcher zu Tisch sitzt, oder der Dienende? Ist es nicht der, welcher zu Tisch sitzt? Ich aber bin mitten unter euch wie der Dienende.“ (Lk 22, 24-27) Wenn sich Jesus schon als der Dienende bezeichnet, um wie viel weniger kann sich dann ein Stammapostel, der führen und dienen will, sich über andere erheben und sich als Haupt der Apostel bezeichnen. Jesus Christus ist das Haupt der Gemeinde und damit auch aller Amts- bzw. Aufgabenträger: „Und er (Jesus, Anm. d. Verf.) ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde, er, der der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem der Erste sei.“ (Kol 1,18)

Der Stammapostel ist, obwohl er keine theologische Ausbildung hat, oberste Instanz in allen Lehr- und Glaubensfragen! D.h. ihm obliegt die Deutungs- und Auslegungshoheit der Heiligen Schrift: „...der Stammapostel ist das Haupt der Apostel. Als oberste geistliche Autorität leitet er die Neuapostolische Kirche in allen religiösen Angelegenheiten.“ (27)

Die biblische Lehre vermittelt uns ein anderes Bild. So kam in der jungen jüdisch-christlichen Gemeinde die Frage auf, ob auch Heiden, die sich zu Jesus bekehrt hatten, allen jüdischen Gesetzesvorschriften, z.B. der Beschneidung, nachkommen müssten. Nicht Petrus (der angeblich erste, der das Felsenamt empfing) war es, der zusammenfassend und entscheidend die Stimme erhob, sondern Jakobus: „Nachdem sie aber zu reden aufgehört hatten, ergriff Jakobus das Wort und sagte: Ihr Männer und Brüder, hört mir zu! [...] Darum urteile ich, daß man denjenigen aus den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten auflegen soll,...“ (Apg 15, 13-19)

Vielmehr war es wohl ein „Dreiergespann“, welches zur Zeit des Neuen Testaments unter den Judenchristen besonderes Ansehen unter den Aposteln genoss, nämlich Jakobus, Petrus und Johannes: „...und als sie die Gnade erkannten, die mir (Paulus, Anm. d.Verf) gegeben ist, reichten Jakobus und Kephas (Petrus, Anm. d. Verf.) und Johannes, die als Säulen gelten, mir und Barnabas die Hand der Gemeinschaft, damit wir unter den Heiden, sie aber unter der Beschneidung wirkten;...“ (Gal 2, 9)

Paulus wagte es sogar, Petrus öffentlich zu rügen, als Petrus offensichtlich noch nicht die Erkenntnis und Kraft hatte, keinen Unterschied zwischen Juden- und Heidenchristen zu machen: „Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er war im Unrecht. Bevor nämlich etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. Und auch die übrigen Juden heuchelten mit ihm, so daß selbst Barnabas von ihrer Heuchelei mit fortgerissen wurde. Als ich aber sah, daß sie nicht richtig wandelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Petrus vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, was zwingst du die Heiden, jüdisch zu leben?“ (Gal 2, 11-14)

Von einer alleinigen obersten geistlichen Autorität kann bei Petrus bei Betrachtung der biblischen Berichte keine Rede sein. Wenn sich der Stammapostel der Neuapostolischen Kirche in seinem Amt auf Petrus berufen möchte, sollte er in den Kreis der übrigen Apostel zurücktreten. Dann käme er seinem biblischem Vorbild etwas näher!

 

Schriftauslegung / Lehrautorität

Eine Frage drängt sich bei Betrachtung der neutestamentlichen Berichte auf. Braucht der Gläubige in Lehrfragen einen herausragenden Lehrer, braucht er jemanden, der ihm die Bibel auslegt? Die Auslegungsbefugnis der Heiligen Schrift liegt nach neuapostolischer Auffassung beim Stammapostel und bei den Aposteln. Nur diese sind fähig, die Heilige Schrift richtig zu verstehen: „Wer ist fähig und berufen die Bibel auszulegen? [...] der Stammapostel und die Apostel, haben zu ihrer Aufgabe das aus dem Heiligen Geist kommende Amtsvermögen empfangen. Mit diesen Gaben sind sie befähigt, die Absichten Gottes zu verstehen, sie den Gläubigen mitzuteilen...“ (28)

Die Neuapostolische Kirche bleibt uns die Antwort auf die Frage schuldig, warum nur der Stammapostel und die Apostel das nötige ,Amtsvermögen‘ empfangen haben sollen und wo dieser Vorgang in der Heiligen Schrift sein Vorbild findet. Der Apostel Johannes schreibt den Gläubigen etwas anderes: „Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, daß euch jemand lehrt; sondern so, wie euch die Salbung selbst über alles belehrt, ist es wahr und keine Lüge; und so wie sie euch belehrt hat, werdet ihr in ihm bleiben.“ (1 Jo 2, 24) Mit der Salbung ist die Spendung des Heiligen Geistes gemeint! Nicht der Stammapostel, sondern der Heilige Geist ist der Stellvertreter Christi auf Erden: „Doch wenn der Vater den Ratgeber als meinen Stellvertreter schickt – und damit meine ich den Heiligen Geist -, wird er euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Jo 14, 26 Übersetzung: Neues Leben) Im Grundtext steht der Begriff παρ?κλητος = Parakletos, welcher in der Vulgata mit advocatus wiedergegeben wird. Dieser Begriff wurde auch im juristischem Sinn benutzt und meinte Anwalt oder Stellvertreter. Er kann auch, wie in vielen anderen Bibelübersetzungen, als Helfer, Fürsprecher, Ratgeber oder Beistand übersetzt werden. Unstrittig in christlichen Denominationen ist, dass mit dem Parakletos kein Mensch, sondern der Heilige Geist gemeint ist.

Wir sehen, Jesus hat nicht vorgesehen, einen menschlichen Vertreter zu senden oder zu berufen. Er hat uns den Heiligen Geist gesandt, der uns in die Wahrheit führt. Gerade in der Neuapostolischen Kirche, in der jeder Gläubige durch die Handauflegung eines Apostels den Heiligen Geist empfangen haben soll, stellt sich die Frage, wieso nun noch ein Stammapostel oder ein Apostel als oberster Hirte und Ausleger der Heiligen Schrift notwendig ist?!

 

Sukzession (Teil IV.)

In Bezug auf die Sukzession, die ununterbrochene Nachfolge der neuapostolischen Stammapostel, ergeben sich viele Fragen. Nach neuapostolischer Auffassung offenbart Gott durch besondere Zeugnisse den jeweils nächsten Stammapostel: „...Aus der Schar der Apostel wird jener Apostel in das Stammapostelamt gerufen, der durch besondere Zeugnisse von Gott dem amtierenden Stammapostel bzw. dem Kreis der Apostel offenbart wurde.“ (29) Wie sehen diese Zeugnisse oder Offenbarungen aus? Sind es Gesichte, Träume, Visionen, Erscheinungen oder Eingebungen des Amtsvorgängers oder der Apostel? Im Großen und Ganzen schweigt die neuapostolische Literatur darüber, wie die einzelnen Stammapostel von Gott ,offenbart‘ wurden. Fakt ist, dass der Stammapostel entweder von seinem Amtsvorgänger eingesetzt wird, oder, wenn dies nicht möglich ist, wird er von einer Apostelversammlung gewählt: „Der Stammapostel wird durch seinen jeweiligen Vorgänger berufen (Art. 4.7.9.). Fehlt eine solche Berufung oder wurde der Stammapostel abgewählt, so wird der Stammapostel durch die Bezirksapostelversammlung (Art. 5.) oder die Apostelversammlung (Art. 6.) aus dem Kreis der Bezirksapostel, Bezirksapostelhelfer und Apostel gewählt.“ (30)

Im Zusammenhang mit der Berufung der einzelnen Stammapostel gibt es einige Kuriositäten, die es wert sind, einmal betrachtet zu werden:

Die Zeit ohne Stammapostel

Man muss sich die Frage stellen, warum es eine Zeit von etwa 1900 Jahren in der Kirchengeschichte gab, in der Gott keine Stammapostel gegeben hat. Ebenso, wie es in dieser Zeit keine echten Apostel Jesu Christi gab, gab es auch keinen Stammapostel. Wusste der erste ,Stammapostel Petrus‘ nicht, dass er eigentlich einen Nachfolger hätte berufen müssen? Oder gab es doch eine solche Sukzession? Dann muss man allerdings annehmen, dass eine der orthodoxen Kirchen oder die katholische Kirche in der echten Sukzession des Petrus steht. Somit wäre die Neuapostolische Kirche eine Neugründung neben der vermeintlich echten Kirche und könnte sich nicht darauf berufen, das „wiederaufgerichtete Erlösungswerk des Herrn zu sein“ (31), weil die eigentliche Kirche Christi nie aufgehört hätte zu existieren. Die Neuapostolische Kirche geht aber davon aus, dass es einen Zeitraum gegeben hat, in der die wahre Kirche des HERRN nicht existiert habe. Sehr interessant ist die Erklärung, warum dies so gewesen sei: „Daß die Wirksamkeit der Apostel unterbrochen wurde, hatte seine Ursachen in dem Verhalten der damaligen Gläubigen (die Gläubigen der Urkirche, Anm. d. Verf.) Jesus hatte in seinem Sendschreiben laut Offenbarung 2,4.5 gemahnt und gewarnt mit den Worten ,Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich dir bald kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße tust.‘ Unter dem Leuchter ist die Gemeinde mit dem Apostelamt zu verstehen...“ (32) Der Gläubige der frühchristlichen Gemeinde ist also Schuld daran, dass es in der Folge keine Apostel- und Stammapostel-Berufungen mehr gegeben hat?! Warum mit dem Leuchter „die Gemeinde mit dem Apostelamt“ zu verstehen sein soll, wird nicht erklärt und ergibt sich wohl eher aus der Erklärungsnot der NAK in Bezug auf die sog. apostellose Zeit als auf eine gründliche Bibelauslegung. Eine ebenso kraftlose und wenig Überzeugende Erklärung gibt der amtierende Stammapostel Dr. Wilhelm Leber zu Protokoll: „Das Evangelium mußte zunächst einige Jahrhunderte verbreitet werden, so daß das Christentum weltweite Bedeutung bekam. Dafür war das Apostelamt nicht notwendig.“(33)

Keine Anerkennung durch die englischen Apostel

Das neuapostolische Apostelamt und insbesondere das Stammapostelamt fanden keine Anerkennung unter den Vorläufer-Gemeinschaften der Neuapostolischen Kirche. Allgemein wird die katholisch-apostolische Bewegung von der Neuapostolischen Kirche als eine von Gott gewirkte Einrichtung ebenso anerkannt wie die Apostel der Katholisch-apostolischen Kirche. Wenn denn die Apostel der KaK echte Apostel Jesu Christi gewesen sind, warum haben sie dann unter der Leitung des Heiligen Geistes die neuberufenen Apostel und die Aufrichtung des Stammapostelamtes nicht anerkannt, warum haben sie sich diesem „neuen Petrus“ nicht untergeordnet? So schrieben die Apostel der neuen Ordnung dem letzten Apostel der Katholisch-apostolischen Kirche Woodhouse einen Brief unter anderem mit folgendem Inhalt: “...weil wir Sie für einen von Jesus gesandten Apostel halten, wie wir aber auch uns für solche ansehen, die, nach dem Willen Gottes vereint, mit Ihnen das Werk des Herrn bis zur Vollendung treiben sollen...“ 34 Dieser Brief blieb vom katholisch-apostolischen Apostel Woodhouse unbeantwortet. Führende Ämter und Propheten der Hersteld Apostolische Zendingkerk - dem holländischen Zweig der Allgemeinen christlichen apostolischen Mission - verweigerten Fritz Krebs die Gefolgschaft: „Die Propheten der Hersteld Apostolischen Zendingkerk verkündeten, daß der Satan in ,Ephraim‘ (gemeint ist das norddeutsche Arbeitsgebiet des Apostels Krebs, Anm. d. Verf.) gefahren und der Heilige Geist von Krebs genommen worden sei. Für sie galt fortan die Neuapostolische Kirche als ,antichristliche Sekte‘, in der sich die Weissagung von 2. Petr. 2, 1,3 erfüllt hat.“ (35)

Der letzte Stammapostel

„Ich bin der Letzte. Nach mir kommt keiner mehr.“ (36)

„ ... ,Der Herr kommt zu meiner Lebzeit um die Seinen zu sich zu nehmen.‘ So verkündigte er in jenem Weihnachtsgottesdienst 1951 in Gießen. Er verkündigte es nicht als einen eigenen Einfall, sondern als eine Offenbarung, die er vom Herrn empfangen habe. Der Sohn Gottes selbst sei ihm begegnet, sagte er, und was der Herr verheißen habe, müsse sich erfüllen. Wie könnte er lügen? Mir ist vom Herrn die Zusage gegeben, daß ich nicht sterbe‘, versicherte er unzählige Male. Den Zweiflern entgegnete er: ,Ich wünsche nur das Eine, daß alle diese Zweifler so lange leben, bis der Tag des Herrn kommt. Dann werden sie sehen, welche Ernte ihnen der Zweifel eingebracht hat.‘“ (37) „Am 12. September 1954 sagte der Stammapostel in Stuttgart: ,Ich bin mir doch bewußt, wenn ich sterben würde - was nicht der Fall sein wird -, dann wäre Gottes Werk vernichtet.‘“ (38)

Das sind die Worte des Stammapostels Bischoffs. Am 6. Juli 1960 starb Johann Gottfried Bischoff in Karlsruhe! Nach den Worten dieses Stammapostels, der vermeintlich eine prophetische Gabe besaß, war er der letzte Stammapostel! Offensichtlich hat er sich geirrt!

Wenig Beachtung findet im Zusammenhang mit dieser sog. Botschaft des Stammapostels Bischoff die sehr interessante Tatsache, dass es schon zu Lebzeiten des Stammapostels Bischoff einen weiteren Stammapostel der Neuapostolischen Kirche gab. Am 21.05.1948 wurde Peter Kuhlen zum Nachfolger J.G. Bischoffs in einer geheimen Wahl einstimmig gewählt. Am 01.08.1948 erfolgte die Ordination von Apostel Kuhlen als Nachfolger im Stammapostelamt mit den Worten „im Namen und Auftrag des Apostelkollegiums nimm hin das Stammapostelamt, dazu den Amtsgeist im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Dieser Geist macht in dir das Amt lebendig;...“ So ist Apostel Peter Kuhlen ins Stammapostelamt und nicht ins Stammapostelhelferamt ordiniert worden! (39) 1950, nur zwei Jahre später, behauptete Stammapostel Bischoff durch seinen Redakteur Erich Meier-Gewecke, dass: „ ... ihm der Herr noch keinen gezeigt hat, der das Gottesvolk auf Erden nach ihm weiterführen solle...“ (40)

Der Stammapostel Peter Kuhlen wurde 1954 aus der Neuapostolischen Kirche exkommuniziert. Er selbst zweifelte die sog. Botschaft nicht an. Er wurde exkommuniziert, da er diese sog. Botschaft nicht zum Dogma erheben wollte und sie nicht mit genug Nachdruck predigte.

Dass sich der Stammapostel Bischoff irrte, möchte die Neuapostolische Kirche bis heute nicht wahr haben. Früher hieß es: „Wir stehen deshalb vor dem unerforschlichen Ratschluß unsres Gottes und fragen uns, warum er seinen Willen geändert hat. (41) Neuere Formulierungen vom amtierenden Stammapostel Wilhelm Leber lauten so: „Dass sich die Vorhersage von Stammapostel Bischoff nicht erfüllt hat, bleibt für mich eine ungeklärte Frage [...] Über die wahren Zusammenhänge möchte ich kein abschließendes Urteil fällen. Vielleicht hat der Stammapostel Bischoff etwas falsch gedeutet, oder es wurden Bedingungen genannt, die wir nicht kennen.“ (42)

Man sollte meinen, dass die NAK nach dem Tod des Stammapostels Bischoff, der prophetisch die Wiederkunft Christi zu seinen Lebzeiten angekündigt hatte und dann doch starb, wenigstens eine Zeit inne hält und das Geschehene beurteilt. Doch hastig wählt man gegen die bestehende Satzung am 07.07.1960, nur 1 Tag nach dem Tode J.G. Bischoffs, durch Zuruf einen Nachfolger: Walter Schmidt. Man erinnerte sich nicht an den exkommunizierten Stammapostel Peter Kuhlen!

Streitigkeiten um Amtsnachfolger

Als Mitglied der Neuapostolischen Kirche ist man der Auffassung, dass die Auswahl der Amtsträger und insbesondere der Apostel und des Stammapostels mit göttlichen Zeugnissen und unter Leitung des Heiligen Geistes in großer Würde, Verantwortung und Einmütigkeit geschieht. Grabenkämpfe, Machtansprüche und dergleichen sind eigentlich nicht vorstellbar. So heißt es doch: „ ... Aus der Schar der Apostel wird jener Apostel in das Stammapostelamt gerufen, der durch besondere Zeugnisse von Gott dem amtierenden Stammapostel bzw. dem Kreis der Apostel offenbart wurde.“ (43) Dass die Realität anders aussieht, beweist die Wahl des Stammapostels Urwyler im Jahre 1978. Die Neuapostolische Kirche behauptet: „Hans Urwyler vom Herrn und im Einssein aller Apostel zu seinem Nachfolger berufen ... “ (44) Tatsächlich soll sich jedoch Anderes zugetragen haben: „Nach § 9 der Statuten des Internationalen Apostelbundes wird der Stammapostel mit 3/4 Mehrheit gewählt (gemäß der gültigen Statuten des Internationalen Apostelbundes im Jahre 1978, Anm. d. Verf.). [...] Stammapostel Urwyler erhielt bei seiner Wahl zum Stammapostel (am 18.11.1978, Anm. d. Verf.) in den ersten Wahlgängen nicht die erforderliche Mehrheit. Die Stimmen verteilten sich auf drei Männer (Urwyler 66/88, Rockenfelder 18, Kühnle 10). Durch einen Trick wurde letztlich Einvernehmen erzielt. Bez. Ap. Kraus drohte zeitweilig mit Abspaltung, falls ein Deutscher Stammapostel würde.“ (45)

Auch bei der Ordination von Stammapostel Richard Fehr soll es Unregelmäßigkeiten gegeben haben: „Tatsache ist, dass Hermann Engelauf bei der recht ,eigentümlichen‘ Amtseinsetzung von R. Fehr in Bern, nicht zugegen war. Dafür Fehrs Erzfeind Kraus, der von Kanada aus die Geschicke der weltweiten NAK übernehmen wollte. Aber Kraus schaffte es bis zur letzten Minute nicht, sich unter den dienstältesten Bezirksaposteln Fernandes, Higelin, Steinweg und Kühnle eine entsprechende Mehrheit zu verschaffen. Als Bezirksapostel Engelauf sein Kommen nach Bern absagte, musste Kraus seine Niederlage eingestehen. Nach den damaligen NAKI Statuten hätte R. Fehr gar nicht in Bern zum Stammapostel ausgesondert werden dürfen, wie in offiziellen NAK Verlautbarungen veröffentlicht, sondern hätte sich einer ordentlich einberufenen Bezirksapostelversammlung stellen müssen. Tatsache ist, dass Richard Fehr der weltweiten neuapostolischen Öffentlichkeit am 22. Mai 1988 als neuer Leiter und Stammapostel der NAK in einem feierlichen Gottesdienst zu Pfingsten vorgestellt wurde. Er hatte sich, so in öffentlichen Statements aus NAK und NAKI Kreisen verlautbart, die Hand des todkranken Hans Urwylers auflegen lassen, während Bezirksapostel Steinweg die Aussonderungsworte sprach: Nimm hin das Stammapostelamt. Erst nach dem Pfingstgottesdienst bestätige eine eilig einberufene Bezirksapostelversammlung Fehrs Amtsauftrag. Was sollten die Bezirksapostel auch anders machen? Hätten sie gegen Fehr gestimmt, die Blamage der NAK KL (KL = Kirchenleitung, Anm. d. Verf.) wäre riesengross gewesen. Bezirksapostel Engelauf, der immer wieder hartnäckig genannt wird, bei der Amtseinsetzung von Fehr in Bern zugegen gewesen zu sein, war definitiv in Bern nicht anwesend. Nach mir vorliegenden Recherchen, war H. Urwyler, der am 3. Mai 1988 bereits halbseitig gelähmt war, der gar nicht mehr reden konnte und der sich von seinem Schlaganfall nie mehr erholte, nicht einmal in der Lage, seine Finger zu bewegen, geschweige seinen Arm zu heben. Hans Urwyler lag, wie mir Zeitzeugen berichteten, am 3. Mai 1988 im Wachkoma.“ (46)

Die Neuapostolische Kirche muss sich die Frage gefallen lassen, wie und wodurch Gott Zeugnisse in Bezug auf den Nachfolger des jeweiligen Stammapostels wirkt. Friedrich Krebs hat sich selbst zum Stammapostel erhoben, Stammapostel Kuhlen wurde exkommuniziert und später nicht berücksichtigt, als der Stammapostel Bischoff, der die Botschaft hatte, er würde nicht sterben, bevor Jesus käme, doch starb. Stammapostel Schmidt wurde statutenwidrig per Zuruf nur einen Tag nach Stammapostel Bischoffs Tod gewählt. Stammapostel Urwyler wurde nicht einstimmig, sondern gegen den massiven Widerstand einiger Apostel gewählt. Stammapostel Fehr wurde statutenwidrig auf kuriose Weise von einem im Koma liegenden Stammapostel Urwyler ordiniert. Man braucht schon sehr viel Glauben, um in diesen Gegebenheiten und Ereignissen die Führung Gottes und die Leitung des Heiligen Geistes zu erkennen. Unter anderem deshalb werden die Gläubigen in der Regel über die tatsächlichen Sachverhalte im Unklaren gelassen.

 

Unfehlbarkeit (Teil V.)

Bis in die jüngere Vergangenheit hinein galt der Stammapostel als unfehlbar. Seine Aussagen, sein Handeln hatten göttlichen Charakter und waren verbindlicher Maßstab zur Beurteilung und zum Handeln des Einzelnen: „...Ihm (dem Stammapostel, Anm. d. Verf.) nicht restlos zu vertrauen und seinem Worte nur in Gedanken widerstehen zu wollen heisst, sich wider den Sohn Gottes zu versündigen.“ (47) Der ehemalige Redakteur der ,Neuapostolischen Rundschau‘ K.W. Mütschele schreibt kritisch: „...Jede Verirrung hat einen Anfangspunkt. Dieser Punkt liegt in der Annahme, daß die Apostel genannten Männer der letzten Zeit unter allen Umständen die Autorität sind und souverän über der Bibel und ihren Lehren stehen. Also die päpstliche Irrlehre: Was die Apostel (und der Stammapostel, Anm. d. Verf.) lehren, ist unfehlbar. Ihre Auslegung der Bibel und ihrer Zeugnisse ist allein maßgebend. Prüfungsrecht gibt es nicht...“ (48) Stammapostel Schmidt äußert sich nach dem Tod von J.G. Bischoff wie folgt: „... Wir stehen deshalb vor dem unerforschlichen Ratschluss unseres Gottes und fragen uns, warum er seinen Willen geändert hat. Der Stammapostel, der das Erlösungswerk des Herrn auf den höchsten  Stand der Vollendung gebracht hat und dadurch die Kinder Gottes in einem unerschütterlichen Glauben an sein Wort fesselte, kann sich nicht geirrt haben...“ (49) Der Stammapostel Bischoff kann sich nicht geirrt haben (Unfehlbarkeit). Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Deshalb muss Gott seinen Willen geändert haben. Auch Stammapostel Fehr hat seine Probleme mit Kritik. In einem Gottesdienst verliest er eine Stellungnahme zu Vorwürfen gegen die Lehre und Glaubenspraxis der Neuapostolischen Kirche und kommentiert dies am Ende zusätzlich mit den Worten: „Wir lassen uns nicht auf die Anklagebank setzen!“ (50) Ein wenig später ergänzt er seine Aussagen diesbezüglich: „Und manch einer meint, er wisse dies und jenes besser als die Apostel und der Stammapostel - auch das kommt vor. Das alles sind Zeichen der letzten Zeit.“ (51)

Erst in den letzten Jahren setzt ein Umdenken ein. So äußerte sich der amtierende Stammapostel Wilhelm Leber in einem Interview wie folgt: „Herr Leber, sind sie unfehlbar?“ „Nein, ich habe keinerlei Ansprüche dieser Art.“ (52) Offenbar wird dieser nun nicht mehr vorhandene Absolutheitsanspruch des Stammapostels und der Kirchenleitung unter den Gemeindemitgliedern und Amtsträgern nicht so wahrgenommen. Insbesondere immer dann, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten kommt ist der ,gefühlte‘ bzw. wahrgenommene Absolutheitsanspruch des Stammapostels noch immer vorhanden: „Der Stammapostel sagte in einem Interview, daß auch er (und die Apostel) nicht unfehlbar wäre(n). Doch sobald ein untergeordneter Amtsträger oder gar ein einfaches Gemeindemitglied solche möglichen Fehler sieht und anspricht, vor allem in theologischer Hinsicht, kommt sofort die Keule: Wir, die KL (Kirchenleitung, Anm. d. Verf.) haben in allem Recht, sind von Gott gesetzt und haben es nicht nötig, uns von irgendjemandem belehren zu lassen. > Also doch eine Art ,Unfehlbarkeit‘.“ (53)

Trotz aller anders lautenden offiziellen Stellungnahmen ergibt sich letztlich auch aus der vorhandenen Lehrautorität, verbunden mit dem ,nötigen Amtsvermögen‘ des Stammapostels der faktisch immer noch vorhandene Absolutheitsanspruch und damit die Unfehlbarkeit des Stammapostels. Leider gehen hier die Realität der Glaubenspraxis und die offiziellen Verlautbarungen der Neuapostolischen Kirche unterschiedliche Wege. Nicht nur aus diesem Grund sind viele der Auffassung, dass die vermeintlichen Reformen der letzten Jahre nur der besseren Selbstdarstellung nach außen dienen. Nach innen hat sich praktisch nichts geändert. Auch wir meinen, die teilweise Umformulierung einzelner Lehrsätze dienen dazu, die Neuapostolische Kirche in der nicht neuapostolischen Öffentlichkeit harmloser und weniger exklusiv erscheinen zu lassen. Man möchte als eine der vielen christlichen Freikirchen wahrgenommen werden.

Wie weit der neuapostolische Stammapostel und die Apostel damit vom biblischen Vorbild entfernt sind, wird deutlich, wenn man sich einige neutestamentliche Aussagen dazu anschaut: Wie oben schon erwähnt, ist Petrus alles andere als unfehlbar, er wird von Paulus öffentlich gerügt: „Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich (Paulus, Anm. d. Verf.) ihm ins Angesicht, denn er war im Unrecht.“ (Gal 2, 11) Auch Paulus betrachtete sich nicht als vollkommen. So schreibt er: „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das verübe ich.“ (Rö 7, 19) So mahnt nicht nur der Apostel Paulus an, zu prüfen: „Diese (Christen in Beröa, Anm. d. Verf.) aber waren edler gesinnt als die in Thessalonich und nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf; und sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte.“ (Apg 17, 11), sondern auch der Apostel Johannes ermahnt: „Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen.“ (1 Jo 4, 1)

 

Falsche Propheten

„Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen.“ (1 Jo 4, 1) Dieses Wort eines echten Apostels Jesu wird uns nun konkreter beschäftigen. So wie zu Beginn der apostolischen Bewegung, in der katholisch- apostolischen Kirche, in der Allgemeinen christlichen apostolischen Mission (AcaM), in der Hersteld Apostolischen Zendingskerk als auch in den Anfängen der Neuapostolischen Gemeinden gab es die Gabe der Prophetie. Der Prophet war neben dem Apostel maßgeblich an der Entstehung der Kirchenstruktur, der Ämter und der Berufung einzelner Personen in ihre Ämter beteiligt. Er weissagte und bezeichnete bestimmte Personen als Apostel, Engel (Bischof), Evangelisten usw. Der Apostel ordinierte dann diese Personen in ihr Amt. Schnell gab es Meinungsverschiedenheiten, Spannungen und Machtkämpfe zwischen Prophet und Apostel. Dies wird sehr deutlich bei der Neuberufung weiterer Apostel durch den deutschen Propheten Heinrich Geyer in den Jahren 1860 und 1863, welche von den englischen Aposteln der kath.- apost. Bewegung nicht anerkannt wurden. Diese Spannungen und Machtkämpfe gab es auch in der AcaM, man denke an das Zerwürfnis von 1878 (54) - aus dem letztlich die neuapostolische Gemeinde hervorging - und an die Machtkämpfe in den Gemeinden der so genannten neuen Ordnung unter Apostel (Stammapostel) Krebs. Diese Machtkämpfe entschieden sich in der entstehenden Neuapostolischen Kirche zugunsten der Apostel. Beispielhaft für diese Entwicklung ist eine Begebenheit zwischen dem Apostel Krebs und einem Propheten: „,Oh! mein Apostel Krebs, gesegnet bist Du Mir, Ich sage Dir‘, da schrie Krebs dazwischen: ,und ich sage Dir, das ist alles schon gesagt worden, alles abgemacht, und jetzt Schluß.‘ Daraufhin schwieg der Prophet.“ (55) Ein weiteres Zeugnis dieser Machtkämpfe ist ein Brief des Evangelisten Mütschele an den Apostel Brückner 1919: Rühmt sich doch der Stammapostel (Niehaus, Anm. d. Verf.) selbst in einem Briefe von diesem Jahre, daß er seinerzeit als Stammbischoff mit einer Broschüre die damaligen Propheten der Gemeinde totgeschlagen habe.“ (56) Man schaffte die Propheten ab und behauptete, die prophetische Gabe sei im Apostelamt, bzw. im Stammapostelamt aufgegangen: „...die warnenden Prophetenstimmen sind verstummt [...] Freilich, wo das Prophetenamt faktisch nicht mehr bestand oder besteht, da musste man einen Ersatz suchen. Er fand sich auch bald. Und dieser indirekte Ersatz ist das von Vater Krebs hervorgebrachte ,Einheitsamt‘, das sich zum ausschlagebenden Stammapostelamt entwickelte,...“ (57) Noch 1938 fand man das Amt des Propheten in der Liste der Ämter der neuapostolischen Kirche. (58) In späteren Ausgaben des Büchleins „Fragen und Antworten über den Neuapostolischen Glauben“ fehlt das Prophetenamt in der Liste der neuapostolischen Ämter. Als Erklärung für das Fehlen heißt es dann im Katechismus der Neuapostolischen Kirche wie folgt: „ [...] Das Prophetenamt (Epheser 4,11) war in der Neuapostolischen Kirche solange wirksam, wie es die Notwendigkeit im göttlichen Heilsplan erforderte. Durch die im Wirken der Apostel offenbar werdende, in alle Wahrheit leitende Arbeit des Heiligen Geistes ist heute das gesamte Volk Gottes unterrichtet [...] “ (59) Wenn konkrete Aussagen in Bezug auf Zukünftiges von neuapostolischen Aposteln und speziell vom Stammapostel der NAK vorliegen, muss man sie vor dem oben beschriebenen Hintergrund beurteilen. Sie haben prophetischen Charakter, weil das Stammapostelamt die Aufgabe des Propheten übernommen hat. Insbesondere vor dem Unfehlbarkeitsanspruch des Amtes bekommen solche ,prophetischen‘ Aussagen ein ganz besonderes Gewicht, erst recht, wenn sie zur Lehr-Doktrin erhoben werden, wie dies bei der sogenannten Botschaft von J.G. Bischoff der Fall gewesen ist.

Es folgen nun einige ,prophetische‘ Aussagen von neuapostolischen Aposteln, bzw. Stammaposteln.

Engel (Bischof) Edward Irving und die Propheten der Katholisch- apostolischen Bewegung

Edward Irving war kein Stammapostel der neuapostolischen Kirche. Er hatte jedoch maßgeblichen Einfluss in der im Entstehen befindlichen Katholisch- apostolischen Bewegung im frühen 19. Jahrhundert. Er war in dieser Bewegung nie Apostel, jedoch war sein Einfluss als charismatischer Prediger und später als Engel (Bischof) und seine Wirkung nach innen und außen so groß, dass die Katholisch-apostolische Kirche als Sekte der Irvingianer und die Neuapostolischen Gemeinden als Sekte der Neu-Irvingianer bezeichnet wurden. Aus diesem Grund ist es legitim, seine Prophezeiungen in die Beurteilung einzubeziehen.
Edward Irving berechnete die Wiederkunft Christi für das Jahr 1864: „...aber das so oft von der Prophetie angekündigte, von Irving selbst auf 1864 berechnete Kommen des Herrn blieb ebenso aus wie die Auferweckung der verstorbenen ,Apostel‘ noch vor der Wiederkunft des Herrn. Als diese auch 1864 nicht erfolgte, hoffte man auf den 14. Juli 1877, an welchem Tage 3 ½ Zeiten oder 42 Jahre seit der ,Aussonderung der Apostel‘ verflossen sein sollten. Aber das einzige, was 1877 geschah, war dieses, dass am 18. Juli auch der ,erstberufene Apostel‘ Cardale starb.“ (60) Die Propheten der Katholisch-apostolischen Gemeinden verkündeten, dass die neuberufenen 12 Apostel bis zur Wiederkunft nicht sterben werden: „Besonders schädigte ihr Ansehen und behinderte ihre Ausdehnung der allmählich erfolgende Tod der zwölf ,Apostel‘, von denen doch die Prophetie mit aller Bestimmtheit verkündigt hatte, dass sie nicht sterben werden, ehe der Herr komme, sondern lebendigen Leibes ihm entgegengerückt werden in die Luft.“ (61) Der Prophet Taplin, der als Pfeiler der Propheten galt, prophezeite, dass Edward Irving nicht sterben werde, obwohl er schwer krank war. Es kam anders: „Irving selbst sollte nicht ,Apostel‘ werden. Keine Prophetenstimme erhob sich für Irving, der durch fortwährende Geistesaufregung bereits vor der Zeit gealtert war und, obwohl erst wenig über 40 Jahre alt, das Aussehen eines Greises hatte. Der Arzt riet ihm, zu seiner Erholung nach dem Süden zu gehen. Doch die Stimme des Propheten Taplin gebot ihm nach Norden, in sein Geburtsland, zu gehen, wo er zugleich grosse Mengen bekehren werde. Willig folgte Irving der Prophetenstimme, kam aber nur bis Glasgow. Er wurde täglich schwächer, und trotz der Prophezeiung, dass er nicht sterben werde, starb er am 8. Dezember 1834 unter Hinterlassung einer Witwe und dreier Kinder. Er wurde in der Gruft der alten Kathedralkirche in Glasgow beigesetzt.“ (62)

Apostel Schwarz

Auch Apostel Schwarz, der zwar das Stammapostelamt noch nicht kannte, aber als Autorität unter den Aposteln seiner Zeit galt und deshalb in der Liste der ,Führer‘ der neuapostolischen Kirche genannt wird (63), sollte nicht sterben, bevor Christus wiederkäme, möglicherweise stammt diese Prophetie nicht von ihm, jedoch hat er dieser auch nicht widersprochen: „Aus der Neuapostolischen Gemeinde ist bekannt, daß es Weissagungen gab, Jesus komme noch zu Lebzeiten von Apostel Schwarz, danach verband man dieselbe Hoffnung mit dem Leben des Apostels Krebs.“ (64) „Apostel Schwarz hatte seinerzeit auch die - vermeintlich göttliche - Verheissung, er werde noch den Tag des Herrn erleben. In dem 1872 geschriebenen ,Buch für unsere Zeit‘ heisst es mit Bezug auf Apostel Schwarz ,Er wurde im Jahre 1863 auf prophetischen Befehl des Herrn nach Amsterdam gesandt. Kurz zuvor und bei seiner Aussendung aus der Gemeinde zu Hamburg haben merkwürdige Weissagungen und Gesichte durch und bei vielen Personen stattgefunden, so auch, dass er seine Laufbahn nicht werde vollendet haben, bevor die Zukunft des Herrn habe stattgefunden‘. Ausserdem steht in diesem Buche geschrieben: ,Und ist die dem Apostel F. W. Schwarz gegebene Verheissung, dass er den Tag der Erscheinung Christi erleben solle, wahrhaftig aus Gott, dann kann in Rücksicht auf sein Alter die Erscheinung des Herrn innerhalb 10 bis 25 Jahren höchstens und also noch in diesem Jahrhundert erwartet werden.“ (65)

Stammapostel Niehaus:

Stammapostel Niehaus prophezeite den Sieg Deutschlands über England im 1. Weltkrieg: „Der Erste Weltkrieg wurde für die Neuapostolische Gemeinschaft in unterschiedlicher Weise zum Ausgangspunkt neuartiger Entwicklungen. Bei Ausbruch des Krieges stimmte Niehaus voll in die nationale Kriegsbegeisterung ein. ,Treue zu Gott und Treue zum Kaiser!' hieß die alte und die neue Parole. Gesichte und Träume liessen am Sieg Deutschlands keinen Zweifel aufkommen. Niehaus prophezeite den Untergang Englands und war überzeugt, daß von den Apostelversammlungen kriegsentscheidende Impulse ausgingen.“ (66) „...o wehe den Feinden Deutschlands, nun war die Bundeslade des Herrn (Apostel Bischoff, Anm. des Verf.) ins Deutsche Heerlager gekommen, nun aber war das Schicksal der Feinde besiegelt.“ (67)

Ab dem 11. November 1918 schwiegen die Waffen und der erste Weltkrieg war für Deutschland verloren! Als Folge der Falschprophetie des Stammapostels Niehaus verließen viele Gläubige enttäuscht die Neuapostolischen Gemeinden. Darüber hinaus gab es Spannungen unter den Amtsträgern in Bezug auf den Machtanspruch der Apostel und des Stammapostels. So schreibt der Evangelist und Redakteur der ,Neuapostolischen Rundschau‘ K.W. Mütschele an den Apostel Brückner: „Hätten wir göttliche, prophetische, reine Zeugnisse gehabt, also das neutestamentliche Prophetenamt, wir hätten uns nicht so schmählich blamiert mit unserer ganzen Kriegsfaselei.“ (68)

Stammapostel Bischoff

Auch dieser Stammapostel konnte es als Unterstützer des Nationalsozialismus (69) nicht lassen, den Sieg Deutschlands im 2. Weltkrieg zu prophezeien. Durch die Zeitschrift ,Unsere Familie‘ ließ er 1941 verkünden: „So sicher und gewiß, wie wir bisher auf die Genialität und die Feldherrnkunst des Führers vertrauten, ebenso gläubig sehen wir den kommenden Ereignissen, dem großen Endsieg entgegen. Wir sind uns bewußt, daß noch manches Opfer gebracht werden muß, doch wissen wir auch, daß das alles nicht umsonst sein wird und der große Endsieg einen Ausgleich bringen wird...“(70)

Wie weiter oben schon erwähnt, hatte Stammapostel Bischoff angeblich vom Herrn die Offenbarung erhalten, dass er nicht mehr sterben müsse. Der Herr würde zu seiner Lebzeit kommen: „Der Herr kommt zu meiner Lebzeit, um die Seinen zu sich zu nehmen.“ (71) „Die ,Wächterstimme‘ schrieb am 15. April 1955, der Stammapostel habe diese Offenbarung ,nicht durch einen Traum empfangen, sondern bei einer Begegnung mit dem Sohne Gottes selbst. Der Sohn stand dem Stammapostel gegenüber, wie er auch dem Saulus damals gegenüberstand‘...“ (72)

Der Stammapostel J.G. Bischoff ist am 6. Juli 1960 gestorben, ohne dass sich die Prophezeiung, die er doch direkt vom Herrn hatte, erfüllte.

Diese als ,Botschaft‘ bekannten Ereignisse aus den 1950er Jahren führten innerhalb der Neuapostolischen Kirche zu großen Spannungen und Zerwürfnissen, die bis in die Gegenwart ihre Auswirkungen haben. So verließen viele Gemeinschaftsmitglieder mit ihren exkommunizierten Aposteln die Neuapostolische Kirche. Bis heute konnte sich die Führung der Neuapostolischen Kirche nicht dazu durchringen, einen Irrtum Bischoffs in Erwägung zu ziehen, und dies, obwohl sich einige Kuriositäten um die Botschaft ranken und der Irrtum offensichtlich ist. Zu den Kuriositäten gehören z.B. die zunehmende ,Gewissheit der Botschaft‘. Denn zunächst gab es für J.G. Bischoff, ebenso wie für viele andere, nur eine Naherwartung der Wiederkunft Christi, später erst wurde diese Naherwartung immer mehr zur Gewissheit, dass er nicht mehr sterben müsse, bis schließlich eine direkten Offenbarung Christi stattgefunden haben soll und die Botschaft damit zum Glaubensdogma für alle Neuapostolischen wurde. (73) Ein weiteres Kuriosum stellt die Tatsache dar, dass der Herr dem Stammapostel J.G. Bischoff keinen Nachfolger gezeigt haben soll, obwohl er 1948 den Bezirksapostel Kuhlen ins Stammapostelamt ordiniert hat (siehe oben).

Stammapostel Fehr

Nach der sog. Botschaft von J.G. Bischoff wurde man in der Neuapostolischen Kirche vorsichtiger. Man nannte kein Datum und keinen endlichen Zeitabschnitt mehr. Trotzdem nährte Stammapostel Richard Fehr Spekulationen über die Wiederkunft Christi zu seiner Amtszeit durch seinen Amtsantritt im Mai 1988 unter dem Motto: „Maranatha, unser Herr kommt“. Unter vorgehaltener Hand gab man der Hoffnung Ausdruck, dass Richard Fehr als 7. Stammapostel das Gottesvolk in die Vollendung führen werde. Schließlich sei die Sieben ja die Zahl der Vollkommenheit, und einige Geschwister sollen entsprechende Gesichte und Träume gehabt haben. Nun ist aber auch die Amtszeit von Richard Fehr schon wieder Vergangenheit. Er wurde am 15. Mai 2005 in den Ruhestand verabschiedet.

Zusammenfassung

Die Lehre und die Glaubenspraxis der Neuapostolischen Kirche, wie sie sich heute darstellt, beruht im Wesentlichen auf den Stammaposteln und Aposteln, Schwarz, Krebs, Niehaus und Bischoff. Diese Männer haben die Neuapostolische Kirche nachhaltig geprägt. Es ist ein Drama, dass sich diese Männer als falsche Propheten entpuppten, indem sie Vorhersagen für die Zukunft abgaben, die sich nachweislich nicht erfüllt haben. Gott sagt uns, wie wir falsche Propheten enttarnen können: „Wenn der Prophet im Namen des Herrn redet, und jenes Wort geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist es ein Wort, das der Herr nicht geredet hat; der Prophet hat aus Vermessenheit geredet, du sollst dich vor ihm nicht fürchten!“ (5. Mos 18,22) Es gibt noch weitere Tests, die uns zeigen, ob die Botschaft des vermeintlichen Propheten göttlichen Ursprungs ist oder nicht. Weist der Prophet auf sich selber oder auf Gott hin (siehe Off. 19,10)? Vorsichtig muss man auch sein, wenn der ,Prophet‘ Visionen und/oder Träume in den Vordergrund rückt: „Ich habe gehört, was die Propheten reden, die in meinem Namen Lügen weissagen und sprechen: »Ich habe einen Traum gehabt, ich habe einen Traum gehabt!« Wie lange soll das noch gehen? Soll etwa die falsche Weissagung im Herzen der Propheten bleiben? Und die Propheten, die selbsterfundenen Betrug weissagen, haben sie nicht im Sinn, bei meinem Volk meinen Namen in Vergessenheit zu bringen durch die Träume, die sie einander erzählen, gleichwie ihre Väter meinen Namen vergessen haben über dem Baal? Der Prophet, der einen Traum hat, der erzähle den Traum; wer aber mein Wort hat, der verkündige mein Wort in Wahrheit! Was hat das Stroh mit dem Weizen gemeinsam? spricht der Herr.“ (Jer 23,25-28) Ein weiterer wichtiger Prüfstein für die Prophetie und den Propheten ist, ob die Voraussage in der Heiligen Schrift Bestätigung findet und ob sie mit ihr nicht im Widerspruch steht: „Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen würden als das, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! Wie wir es zuvor gesagt haben, so sage ich auch jetzt wiederum: Wenn jemand euch etwas anderes als Evangelium verkündigt als das, welches ihr empfangen habt, der sei verflucht! Rede ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen zu gefallen? Wenn ich allerdings den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich nicht ein Knecht des Christus.“ (Gal 1,8-10) Nicht zuletzt an ihren Früchten werden wir echte von falschen Propheten unterscheiden können: „Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind! An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen...“ (Matt 7,15-16) Wenn wir diese biblischen Maßstäbe an die ,Propheten‘, Apostel und Ämter der Katholisch-apostolischen Bewegung, an die Apostel und Stammapostel der Neuapostolischen Gemeinden und die Stammapostel der Neuapostolischen Kirche anlegen, müssen wir feststellen, dass es sich um falsche Propheten handelt!

 

Verlass Dich nicht auf Menschen

Es gäbe noch einige Punkte in Bezug auf das neuapostolische Stammapostelamt zu betrachten. Zum Beispiel die hohen Gehälter, die sich der Stammapostel und die Apostel selbst genehmigen. Da wäre die Frage, ob ein von ,Gott berufener‘ Stammapostel mit 65 oder 70 Jahre in den Ruhestand gehen kann. Fragwürdig ist auch, warum bisher jeder Stammapostel weißer Hautfarbe und deutschsprachig war, obwohl mittlerweile der überwiegende Teil der Neuapostolischen in Afrika und Asien zu Hause ist. Wir möchten jetzt jedoch unser Augenmerk auf etwas anderes richten.

Wer sich in Bezug auf das Heil auf Menschen verlässt, der ist nicht gut beraten. Es ist bequem, jemanden zu haben, der einem sagt, wie und was wir glauben sollen. Doch geraten wir dabei in die Gefahr, das Wesentliche zu missachten. Kein Mensch kann sich eines Tages vor Gott rechtfertigen und sagen: „Das habe ich nicht gewusst, das hat man mir nicht gesagt.“ Jeder von uns steht in der Verantwortung, niemand kann diese Verantwortung auf andere übertragen. Kein Stammapostel, keine Organisation, keine sakramentale Handlung kann Dir Errettung und damit Glaubensgewissheit schenken. Es gibt nur einen Mittler, und dieser Mittler heißt JESUS CHRISTUS: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus,“ (1 Tim 2,5)

Dieser eine Mittler ist es, der für uns die Verbindung zum Vater durch seinen stellvertretenden Tod am Kreuz geschaffen hat. Jeder andere vermeintliche Mittler ist in Wirklichkeit kein Mittler, sondern ein Dämpfer dieser biblischen Wahrheit und verstellt die Wegweiser weg von Jesus, hin auf andere Wege, die nicht zum Ziel führen.

Jesus klopft an die Tür Deines Herzens, hast Du IHM schon aufgetan? „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, so werde ich zu ihm hineingehen und das Mahl mit ihm essen und er mit mir.“ (Off 3,20) Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als durch IHN. (Jo 14,6) „Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben;“ (Jo 1,12)

Komm doch zum wahren Quell ewigen Lebens, dem echten Weinstock. Dann bist Du unmittelbar mit Deinem Retter verbunden: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ (Jo 15,5)

Das wünsche ich Dir von ganzem Herzen!

Lutz Jusko

 

 

Quellen:

1) Die Website www.nak-info.de wird unterstützt vom Projekt B. Das Projekt B ist eine konfessionell ungebundene private Initiative bibeltreuer Christen, zur Aufklärung über Sekten und Irrlehren sowie zur Verkündigung der frohen Botschaft von JESUS CHRISTUS.

2) Mit freundlicher Genehmigung von Frau Corinna Adam.

3) Wenn nicht anders gekennzeichnet, sind alle Bibelzitate der Bibelübersetzung von Franz Eugen Schlachter in der dritten Revision (Schlachter 2000) entnommen.

4) J.G. Bischoff, Christi Jugend Nr. 22, 15.11.1948, S.170, zitiert nach: Erwin Meier-Widmer, Brief an einen Ex-Amtsträger, Schaffhausen, 9.6.1997

5) Alle Zitate wurden unkorrigiert übernommen

6) Karl-Eugen Siegel, Der Repräsentant des Herrn, Verlag Lachesis, Stuttgart 1995, S. 16f

7) Die Neuapostolische Kirche bezeichnet die Katholisch-apostolischen Gemeinden als „alte Ordnung“ und die nach der Spaltung von 1863 entstandenen Gemeinden mit neu berufenen Aposteln als sog. „Neue Ordnung“.

8) Hermann Niehaus, Sein letztes Wort, S. 8 u. 10, 1905

9) Niehaus, a. a. O. S. 3

10) Apostel Hallmann, Der Herold Nr. 100, 1903, S. 3, zitiert nach: Helmut Obst, Apostel und Propheten der Neuzeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2000, S. 125

11) Ernst Ferdinand Klein, Zeitbilder aus der Kirchengeschichte für die christliche Gemeinde IV. Teil: Das neunzehnte Jahrhundert, Deutsche Evangelische Buch- und Traktat-Gesellschaft, Berlin, 1927, S.152/760

12) Niehaus, a. a. O. S. 4

13) Niehaus, a. a. O. S. 8

14) Niehaus, a. a. O. S. 14

15) Bericht für die "Ämter", 15.4.1904, S. 13 u. 9, zitiert nach: Kurt Hutten, Seher Grübler Enthusiasten, Quell Verlag, Stuttgart, 1997, S. 476

16) Kurt Hutten, Seher Grübler Enthusiasten, Quell Verlag, Stuttgart, 1997, S. 476f

17) Amtsblatt, 15. Juni 1952, zitiert nach: Detlef Streich, Konstruktive Merkmale der Neuapostolischen Kirche, Aktualisierte Fassung, Göppingen, Mai 2006, S. 19

18) DINZMOOR, arrival of the Chief Aposle, YouTube.com, http://www.youtube.com/watch?v=HrLwH12Fuj8, 24.06.2010

19) hhydid62, NAC Youth day 2007 Where in the world is Chrief Apostle Leber, YouTube.com,
http://www.youtube.com/watch?v=89d_gL-VyFQ&feature=related, 24.06.2010

20) Website der Neuapostolischen Kirche Berlin Brandenburg - Jugendtag 2007
http://www.jugendtag-bbrb.de/index.php?article_id=105, 24.06.2010

21) Website der Neuapostolischen Kirche Berlin Brandenburg - Jugendtag 2007
http://www.ejt2009.eu/informieren/news/64.html), 24.06.2010

22) Website der Neuapostolischen Kirche Berlin Brandenburg - Jugendtag 2007
http://www.jugendtag-bbrb.de/index.php?article_id=105), 24.06.2010

23) Leitfaden für den Religionsunterricht der neuapostolischen Kirche, 4. Jahr, Verlag Friedrich Bischoff, Frankfurt am Main, 1970, o. J., S. 79, zitiert nach:http://www.relinfo.ch/nak/stammapostel.html

24) Neuapostolische Kirche, Unsere Familie, Ausgabe 13/2009, Bericht vom Gottesdienst, Kampala/Uganda, 29.3.2009, S. 9,

25) Neuapostolische Kirche International, Statuten der Neuapostolische Kirche International, Präambel, Zürich Schweiz, 1990

26) Neuapostolische Kirche International, Leitbild Dienen und Führen in der Neuapostolischen Kirche, Verlag Friedrich Bischoff GmbH, Zürich, 2001, S. 8

27) Neuapostolische Kirche International (Hg.), Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben – Änderungsmitteilung 2005; Zürich / Frankfurt a. M. 2005

28) Neuapostolische Kirche International, Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben - Frage 5, Zürich, 1990, S. 11

29) Neuapostolische Kirche International, a. a. O., Frage 177, S. 82

30) Statuten der Neuapostolischen Kirche International, Artikel 4.1, Johannesburg, 2002

31) Neuapostolische Kirche International, a. a. O., Frage 167, S. 77

32) Neuapostolische Kirche International, a. a. O., Frage 146, S. 67

33) Stap. Wilhelm Leber, ideaSpektrum Nr. 25/2006, Interview mit dem Stammapostel - „Von anderen Kirchen können wir viel lernen“, Wetzlar, 21. Juni 2006, S. 15 

34) Helmut Obst, Apostel und Propheten der Neuzeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2000, S. 86

35) Hutten, a. a. O., S. 498

36) J.G. Bischoff, Gottesdienst, Gießen, 24.12.1951, zitiert nach: K. E. Siegel, Die Botschaft von Stammapostel Bischoff, Selbstverlag, Stuttgart, 1991-1993, S. 5

37) Kurt Hutten, Ein Brief an die Neuapostolischen - Die "Stunde X" ist gekommen..., Quell-Verlag der Evangelischen Gesellschaft, Stuttgart, 1960, S. 1

38) a. a. O. S. 2

39) Dr. med. Erwin Meier-Widmer, Chronologie der Aera Johann Gottfried Bischoff mit Bezug zu den Ereignissen und Fehlentscheidungen in der Neuapostolischen Kirche, Schaffhausen, 1998

40) Kalender „Unsere Familie 1951, Seite 35, Druck 1950, zitiert nach: Vereinigung der Apostolischen Gemeinden in Europa, Nachdenkliches über die Botschaft des Stammapostels J. G. Bischoff: „Ich sterbe nicht, der Herr Jesus kommt noch zu meiner Lebzeit wieder?

41) Brief der Apostel an die Gemeinden, verlesen am 10 Juli 1960, o.O., zitiert nach: Obst a. a. O., S. 112

42) Stap. Wilhelm Leber, a. a. O. , S. 15

43) Neuapostolische Kirche International, a. a. O., Frage 177, S. 82

44) Neuapostolische Familie 1989 Nr. 1, S. 17, zitiert nach: Horst Hartmann, In der Welt aber nicht von der Welt - Die Gotteskinder der Neuapostolischen Kirche, Libri Books on Demand, o. O., 2000, S. 28

45) S. Dannwolf, J. Gerbert, B. Stöhr, Raus aus dem Bann Verlag Lachesis, Stuttgart, 1995, Seite 35

46) AlexanderZH, Aussteiger Forum Quo-Vadis-NAK, Thema: Was geschah wirklich am 3. Mai 1988 in Bern?,17.03.2009, http://quo-vadis-nak.foren-city.de/topic,3149,-was-geschah-wirklich-am-3-mai-1988-in-bern.html

47) J.G. Bischoff (Hrsg), Wächterstimmen, Friedrich Bischoff Verlag, Frankfurt/Main, 01.10.1949, zitiert nach: Apostolischen Gemeinschaft e.V. und die Vereinigung Apostolischer Christen, Geschichtlicher Rückblick auf die Entwicklung des Stammapostelamtes, Luzern, 1975, S. 6

48) Aufklärungsschrift Nr. 1 über die reformatorische Bewegung in den Neuapostolischen Gemeinden, o.O., o.J., S. 8; zitiert nach: Obst a. a. O., S. 100

49) Stap. Walter Schmidt, Brief als Reaktion auf den Tod von J.G. Bischoff, 07.07.1960, zitiert nach: Detlef Streich, Konstruktive Merkmale der Neuapostolischen Kirche, Aktualisierte Fassung, Göppingen, Mai 2006, S. 2350) Stap. Richard Fehr, Gottesdienst, Nuertingen, 10.12.1995, zitiert nach: Erwin-Meier-Widmer, Brief an den Stammapostel, Schaffhausen, 4.9.1996 

51) Stap. Richard Fehr, Gottesdienst, Krefeld, 06. 04. 1997, Unsere Familie, 20.07.1997, zitiert nach: Detlef Streich, Konstruktive Merkmale der Neuapostolischen Kirche, Aktualisierte Fassung, Göppingen, Mai 2006, S. 27

52) Stap. Wilhelm Leber, ideaSpektrum Nr. 25/2006, Interview mit dem Stammapostel - „Von anderen Kirchen können wir viel lernen“, Wetzlar, 21. Juni 2006, S. 15

53) Gerlinde Bodtke, Leser Kommentar zum Thema ,Hamburg-Blankenese: Der Brief an Stammapostel Leber, 2004.2007, siehe auf www.mediasinres.net,
http://www.mediasinres.net/aktuelles-geschehen/hamburgblankenese-der-brief-an-stammapostel-leber

54) Johannes Albrecht Schröter, Die Katholisch-apostolischen Gemeinden und der „Fall Geyer“, Tectum Verlag, Marburg, 1998, S. 236ff

55) Luise Kraft, Unter Aposteln und Propheten, Marburg, 1930, Nachwort, S. 96

56) K.W. Mütschele, Brief an Apostel Carl Brückner, 3. November 1919, zitiert nach: Obst a. a. O., S. 141

57) ebenda

58) Apostelkollegium der Neuapostolischen Kirche, Fragen und Antworten über den Neuapostolischen Glauben - Frage 175, Verlag Friedrich Bischoff, Frankfurt a.M., 1938

59) Neuapostolische Kirche Internationaler Apostelbund, Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben - Frage 225, Frankfurt a.M., Verlag Friedrich Bischoff GmbH, 1981, S. 81

60) Dr. Max Heimbucher, Methodisten, Adventisten und Neu-Apostolische Gemeinde (Neu-Irvingianer), Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz Regensburg, 1916, S. 100

61) Heimbucher, a. a. O. S. 100

62) Heimbucher, a. a. O. S. 96

63) Neuapostolische Kirche International, a. a. O., Frage 170, S. 79

64) Obst a. a. O., S. 104

65) Schwarz, Das Buch für unsere Zeit, 1872; zitiert nach: Brief der Apostel, Bischöfe und Bezirksältesten des Apostelbezirks Düsseldorf an den Stammapostel J. G. Bischoff, Düsseldorf, 6. Januar 1955, S.3

66) Obst, a. a. O. S. 9967) Witlof, Durch die Nacht zum Licht. Geschichtlicher Beitrag zur reformatorischen Bewegung innerhalb der Apostolischen Gemeinden, Dresden, 1921, S91; zitiert nach: Obst, a. a. O. S. 99

68) K.W. Mütschele, Brief an Apostel Carl Brückner, 3. November 1919, zitiert nach: Obst, a. a. O. S. 141

69) Michael König u. Jürgen Marschall, Die Neuapostolische Kirche in der N.S.-Zeit und die Auswirkungen bis zur Gegenwart, Feldafing, 1994)

70) Zeitschrift ,Unsere Familie‘, Artikel ganzer Einsatz!, 05.05.1941, zitiert nach: König u. Marschall, a. a. O., S. 23

71) J.G. Bischoff, Gottesdienst, Gießen 1951; zitiert nach: Kurt Hutten, Ein Brief an die Neuapostolischen - Die "Stunde X" ist gekommen..., Quell-Verlag der Evangelischen Gesellschaft, Stuttgart, 1960, S. 1

72) Wächterstimme, 15.4. 1955; zitiert nach: Obst, a. a. O. S. 11173) Erwin Meier-Widmer, Analytische Expertise über die ,Botschaft des Stammapostels J.G. Bischoff‘ unter Berücksichtigung Aetiologischer Aspekte, insbesondere medizinischer, Schaffhausen, 30.03.1998