Denkwürdiges

NAK-Kinder müssen zum Ethikunterricht

Keine Sonderrechte mehr für Sektenkinder - Kinder der Neuapostolischen Kirche müssen wieder in den Ethikunterricht

 
Sonntag Aktuell Beigabe der Stuttgarter Zeitung 27.12.98

Seit rund acht Jahren wird an Baden-Württembergs Schulen ein Schulversuch ab der achten Klasse praktiziert, von dem kaum jemand Kenntnis genommen hat: Kinder aus den Reihen der Neuapostolischen Kirche (NAK) werden sowohl vom Religions- als auch vom Ethikunterricht befreit, wenn sie von ihrer eigenen Kirche Religionsunterricht erhalten.

Von dieser Sonderregelung haben rund 1000 Kinder aus NAK-Familien Gebrauch gemacht.Doch im Laufe der letzten Jahre setzte bei den verantwortlichen Gremien ein Umdenkprozess ein. Sowohl der Schulausschuss des Landtags als auch der Landeselternbeirat wollen diese Sonderregelung für NAK-Kinder zum Schuljahresende auslaufen lassen. Mit ein Grund dafür war sicher auch, daß zunehmend massive Kritik an den religiösen Inhalten der hierzulande mit rund 400 000 Mitglieder die drittgrößten christlichen Glaubensgemeinschaft laut geworden ist.

Nach Ansicht vieler Experten versteckt sich hinter der in der Öffentlichkeit als harmlos auftretenden Freikirche eine christlich- fundamentalistische Sekte. Neuapostolen halten ihre Gemeinschaft für die "einzig wahre Erlöserkirche", die beiden Amtskirchen verkörpern ihrer Auffassung nach "die Hure von Babylon"

Im Sommer letzten Jahres beschloss der Schulausschuss des Landtags in Übereinstimmung mit Kultusministerin Annette Schavan, daß der Ethikunterricht "nicht durch Sonderregelungen geschwächt werden dürfe". Einig war man sich auch darin, daß neuapostolischen Kinder .durch die Teilnahme am Ethikunterricht kein Schaden zugefügt werde". Für die sektenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Carla Bregenzer "eine richtige Entscheidung", denn es gehe um "eine Gleichbehandlung aller Kinder anderer Glaubensgemeinschaften und um eine Stärkung des religiös-neutralen Ethikunterrichts".

Kurz nach der Sommerpause kam dann die überraschende ministerielle Kehrtwende. Kultusministerin Schavan kündigte an, daß sich neuapostolische Schülerinnen und Schüler auch weiterhin im Rahmen eines erneuten Schulversuchs vom Ethikunterricht befreien lassen könnten.

Der Schulausschuss des Landtags fühlte sich brüskiert, und Carla Bregenzer forderte "Aufklärung über die Hintergründe dieses Sinneswandels". Diese Entscheidung, so die SPD-Abgeordnete, sei wohl unter dem "massiven Einfluss von Funktionsträgern der NAK" zustande gekommen. Nachweislich hätten neuapostolische Führungskräfte heftigst interveniert. Unstrittig sei, erklärte Carla Bregenzer, daß die NAK "persönliche Beziehungen bis hinein in das für diese Fragen zuständige Referat im Kultusministerium besitzt". Man wolle Sonderwege eröffnen, die lediglich als Schulversuch getarnt seien.

Kaum drei Monate später machte Ministerin Schavan ihrerseits einen Rückzieher und revidierte in einer Sitzung des Schulausschusses ihren Alleingang in Sachen NAK. Zur Begründung erklärte sie, die Bedingungen für die Befreiung vom Ethikunterricht müssten noch einmal beraten werden, außerdem wolle man den Ausgang der derzeit anhängigen Verfassungsklagen zum Thema Ethikunterricht abwarten.

Die NAK-Führungsspitze hält sich, zumindest nach außen hin, weitgehend aus dieser Diskussion heraus. Manfred Fröhlich, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit in der Stuttgarter NAK-Zentrale, sagte, man wolle in "aller Ruhe prüfen und die weiteren Beratungen abwarten".

Die Vermutungen, der Einfluss der Neuapostolischen Kirche reiche bis hinein ins Kultusministerium, seien "aus der Luft gegriffen".

Die NAK gerät zunehmend in die Kritik: Aussteiger berichten übereinstimmend, daß hinter der frommen Fassade ein enormer Psychodruck herrsche. Die Zahl von Selbsthilfegruppen, bei denen überwiegend NAK-Geschädigte Hilfe suchen, wächst ständig. Vor allem die jugendlichen NAK-Mitglieder stehen oft vor unlösbaren Konflikten im Kontakt mit der Außenwelt.

Unerwünscht sind innerhalb der NAK Kino, Theater, Rockmusik oder Disko. Seit Jahrzehnten wird NAK-Kindern beispielsweise eingetrichtert, sie dürfen sich während der Fastnachtszeit nicht verkleiden. Der Erlöser, mit dessen Ankunft jederzeit gerechnet werden müsse, könne sie sonst nicht erkennen und würde sie zurücklassen auf dieser dem Untergang geweihten Welt.

Ein weiteres dunkles Kapital innerhalb der NAK ist der Umgang mit ihrer Gesinnung während des Nationalsozialismus. Zehn von dreizehn deutschen Aposteln der Neuapostolischen Kirche waren in der NSDAP. Andere NAKIer rühmten sich, schon 1922 dabei gewesen zu sein. Briefe wurden ab 1933 mit "Heil Hitler" unterschrieben, die NS-Führung mit Ergebenheitsadressen eingedeckt. Die NAK-Zeitschrift "Unsere Familie" verbreitete in jeder Ausgabe NS-Propaganda. So etwa am 5. September 1941: "Deutschland wird kämpfen bis zum totalen Siege, das heißt, bis zur Befreiung Europas und der Welt von bolschewistischen Mördern, von der britischen Plutokratie und von Juden und Freimaurern." Vor der Neuaufnahme von Mitgliedern ließ sich die NAK deren politische Unbedenklichkeit bescheinigen - von der jeweils zuständigen NSDAP-Ortsleitung.

Bis heute gilt dieses Thema innerhalb der NAK als absolutes Tabu.

Holger Reile

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