Zeugnisse

Jürg

Endlich sind wir frei

Endlich sind wir frei. Nun wissen wir, Gott wohnt in keiner Kirche, sondern in unseren Herzen

Der Kreis hat sich geschlossen. Vom Anfang in „Schande“ bis zum Ende in „Schande“. Nach über 35 Jahren Mitgliedschaft in der Neuapostolischen Kirche (NAK) ein „Abfall“ vom Glauben. Vom „hoffnungsvollen Nachwuchsmann“ (wie mich meine „Vorangänger“ bezeichneten) zum Aussteiger.

Oder eine Befreiung?

Es begann im Jahre 1967; ich wurde als uneheliches Kind einer neuapostolischen Mutter geboren. Zur (in der NAK üblichen) Kindertaufe durfte ich nicht vor die Gemeinde getragen werden. Zu schändlich der Anblick einer Alleinerziehenden mit ihrem Kind. Die Gemeinde schaute lieber weg. Schon in meiner Kindheit nahm ich die NAK als Wechselbad der Gefühle war. Sehr dankbar bin ich auch heute noch, dass ich so liebevoll aufgenommen wurde bei Tageseltern aus der Gemeinde. Negativ bleiben mir die vielen Abende in Erinnerung, die meine Mutter in der Kirche verbrachte, und mich allein zu Hause ließ. Entgegen den Gebeten am Altar schlief ich nicht seelenruhig zu Hause, sondern schrie auf dem Balkon nach meiner Mutter. Die Nachbarn schüttelten den Kopf.

Schön empfand ich die Gemeinschaft der „Gotteskinder“. Weniger schön, dass ich meine Schulkameraden zu Kindergästegottesdiensten einladen sollte. Damals wusste ich natürlich nicht, dass man nicht für die eigene Gemeinde, sondern für Jesus Christus „werben“ sollte. Instinktiv aber war mir unwohl, mit Freunden über die NAK zu sprechen. Es folgten Konfirmation und Jugend. Die Gemeinschaft in der „Jugi“ erlebte ich sehr positiv. Man lernte viele Leute kennen, verabredete sich nach der Jugichorprobe im Pub oder in der Disco. Ich erlebte eine ganz tolle Zeit. Nicht gerade ein sehr christliches Leben; und doch stiegen meine inneren Ängste an. Gottesdienste und Jugendstunden auskaufen, den Rat der Segensträger befolgen; das bringt Segen, hämmerte es sich in meinen Kopf. Mit 20 Jahren beschloss ich noch mehr für die Kirche zu tun, ich wollte noch mehr Segen. Es folgten Ordination zum Unterdiakon und später Diakon.

Auf einem Segeltörn in Italien mit Jugendlichen aus der Gemeinde verliebte ich mich in meine Frau. Gemeinsam engagierten wir uns für die NAK. Wenn möglich alle Gottesdienste auskaufen, Jugi, Chor, Orchester usw. Anerkennung hüben und drüben. Segen. Im Jahr 1995, Monate vor unserer Hochzeit, wurde ich vor den Altar gerufen. Nun, vor der Zeugenschar der Gemeinde willkommen, sollte ich JA oder NEIN zum Priesteramt sagen. Ich fühlte mich geehrt (von allgemeinem Priestertum aller Gläubigen hatte ich noch nie etwas gehört). Ich wollte noch mehr Segen! Wollte den lieben Gemeindemitgliedern dankbar sein und etwas für sie tun. Meine Verlobte weinte. Natürlich sagte ich JA.

Zu unseren Hochzeitsvorbereitungen kam jetzt noch der Stress des Priesteramtes. Meine Glaubens- Berg und Talfahrt wurde immer rasanter. Einerseits fühlte ich mich beim Dienst als NAK-Priester Gott nahe, andererseits sehr unwohl und überfordert. Familienbesuche als so genannter „Segensträger“ empfand ich instinktiv als nicht biblisch. Irgendetwas hielt ich sie von Anfang an für falsch. Wirkliches Verständnis hatte jedoch nur meine Frau für meine Gefühle. Erst Jahre später erkannte ich, dass es keinen geistlichen Stand gibt; dass alle Ehre Gott gilt, die „Segensträger-Lehre“ absurd ist und ein persönliches, direktes Verhältnis zu Gott möglich ist. Der Dienst am Altar strapazierte meine Nerven. Nicht immer lagen mir die Worte auf der Zunge; insbesondere wenn ich unvorbereitet an den Altar gerufen wurde. Der Hunger nach Gottes Wort nahm jedoch nicht ab. Genervt über die oberflächlichen Leitgedanken zum Gottesdienst des Stammapostels, griff ich immer mehr nach biblischen Lexika und anderer christlicher Literatur. Mit der Lutherbibel, der offiziellen NAK-Übersetzung, hatte ich meine liebe Mühe. Ich verstand oft die Zusammenhänge nicht.

Ich hatte nach wie vor grosse innere Ängste einen Gottesdienst willentlich auszulassen. Als dann Stammapostel Fehr an einem Übertragungsgottesdienst die Abschaffung des Sonntagabendgottesdienstes verkündigte, erfasste mich eine Stille Wut. Ich hatte jahrelang solche Ängste. Nun konnte dieses Kirchenoberhaupt mit einem süffisanten Lächeln diesen Gottesdienst einfach so abschaffen. Ich fühlte mich nicht ernst genommen. Zwar war ich sehr froh über den freien Abend, aber ich wurde wachsamer.
Wenn der Bezirksvorsteher Bemerkungen machte wie: Dies und Das können wir nicht mehr so predigen wie es in den Leitgedanken steht oder der Apostel will nur in gefüllten Kirchenlokalen predigen usw.
Auch die NAK-Totentaufe hinterfragte ich immer mehr. Meine Zweifel an der „einzig wahren Kirche Christi“ stiegen monatlich. Mit dem neuen Medium Internet erfuhr ich immer mehr von den Skandalen: Falsche Botschaft, skandalöse Behandlung unserer Brüder und Schwestern; das selbstverständliche Entgegennehmen riesiger „Geschenke“ des Stammapostels von Anvertrauten; die Rolle der NAK in der N.S.-Zeit usw. Es wollte nicht enden.

Beim Lesen von Internet-Webseiten wie „nak-info.de“ wurden meine theologischen Fundamente erschüttert. Mein altes Glaubensgebäude geriet ins Wanken. Da half auch ein Gemeindewechsel nichts mehr. Ich zweifelte an der Lehre der NAK. Ich wusste instinktiv, eine Aussprache mit „Vorangängern“ nützte nichts. Zu gut kannte ich dieses Spiel der Verharmlosung und unterschwelliger, versteckter Angstmacherei. Ich litt zunehmend unter Herzrhythmusstörungen während den Gottesdiensten. Dies blieb auch Gemeindemitgliedern nicht verborgen.

Aus Solidarität mit Verwandten und wirklich lieben Freunden versteckte ich jedoch lange meine Gefühle, auch vor mir selbst. Rückblickend wichtig für mein Engagement in der NAK war meine große Sympathie zu unserem Bezirksältesten. Ein äußerst intelligenter Geschäftsmann, der sich mit fast übermenschlicher Energie für die Gemeinden und Gläubigen einsetzte ohne jedoch die NAK-Dogmatik besonders hervorzuheben. Er gab mir das Gefühl, in einer weltoffenen und nicht exklusiven Gemeinschaft zu sein. Unser Bezirk war sicher der liberalste der Schweiz. Dies hielt mich sehr lange davon ab, wirklich reinen Tisch zu machen.

Meine Selbstverleugnung fand jedoch ein Ende. Aus Anlass eines dieser Stammapostelverehrungsgottesdienste brach jedoch der Krug. Ich hielt es unter dieser „Lobhudelei“ einfach nicht mehr aus und verliess temporär das Gottesdienstlokal. Endlich wurden mir die Augen geöffnet. Ich erkenne dies heute als Gnade Gottes. Als dann der Bezirksapostel noch eine Renaissance und nicht Reformation ankündigte, fasste ich den Entschluss, mein Amt niederzulegen. In dieser Phase hatte ich eine starke Eingebung, dass ich den Verantwortlichen der NAK unbedingt in die Augen blicken muss. So fand ich mich bereit, mit dem zuständigen Apostel ein Gespräch zu führen. Noch heute läuft mir der kalte Schweiss über den Rücken. Das Wirken des Religionsgeistes so eindrücklich wahrzunehmen war unheimlich. Er argumentierte in keiner Weise biblisch, sondern versuchte die NAK-Lehre ausschließlich mit eigenen Erlebnissen und Gefühlen zu beweisen. Auf dieser Ebene war ein Dialog sinnlos. Wie der Widersacher mit Zeichen und Wunder zu verführen sucht, geht aus Mt 24,11 hervor.
Ich möchte diesen NAK-Apostel auch nicht verurteilen. Im Gegenteil, ich denke er hatte mich wirklich lieb und es schmerzte ihn. Aber nach diesem Gespräch drängte sich die Ablösung von der NAK noch mehr auf.
Es folgte dann die mühsame Phase der Angstmacherei. Aus engerem Umfeld wurde ich darauf hingewiesen, dass jetzt mit Segen Schluss sein könnte. Geht die Ehe kaputt? Mein eigenes Geschäft Konkurs? Unglück? All diese fiesen kleinen Stiche, seit Kindesalter fein im Hirn einprogrammiert.

Meine Frau und ich fassten den Entschluss den letzten NAK-Gottesdienst zu besuchen; ganz bewusst. Idealerweise fand anschliessend an den GD gerade ein Gemeindefest statt. Wir wollten möglichst vielen noch die Hand schütteln und in die Augen schauen, wenn wir uns aus der NAK verabschieden. Dies war wohl eine sehr ungewöhnliche Angelegenheit, um so interessanter die Reaktionen. Von betretenem Schweigen bis zu Aussagen wie: Dafür hätte ich viel zu viel Angst, solche Mutigen sollte es mehr geben, oder „ he was seht ihr’s so eng, das glaube ich ja auch nicht, aber unsere Freunde sind hier und das Musizieren ist doch so schön“.

Endlich sind wir frei. Nun wissen wir, Gott wohnt in keiner Kirche, sondern in unseren Herzen.

Der Majestät GOTTES vorzuschreiben, wo der Geist wehen soll, das war einfach unglaublich frech. Rückblickend schäme ich mich sehr, eine solche Lehre als kleiner „Funktionär“ der NAK vertreten zu haben. Ich war Blind. Zum Glück wurden mir die Augen geöffnet. Dies ist nicht mein Verdienst. JESUS CHRISTUS hat sich für mich ans Kreuz schlagen lassen. ER hat mich befreit. ER ist auferstanden und lebt heute und jetzt. Durch IHN werde ich selig, und nicht durch einen anderen Segensträger. Der Heilige Geist ist sein Stellvertreter auf Erden, und sonst niemand. Und wenn man sich in seinem Namen versammelt ist er mitten unter uns und nicht wenn dies irgendein Kirchenpräsident veranlasst!

„So spricht der Herr: Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut“! (Jer 17,5) Wenn Menschen sich als unersetzliche Zwischeninstanzen verkaufen, läuten mir alle Alarmglocken.

GOTT offenbart sich; aber in JESUS CHRISTUS.

Prüfen können wir alles am Maßstab der Heiligen Schrift. Wohl von Menschenhand niedergeschrieben und doch vom Heiligen Geist inspiriert und von Gott autorisiert.

Wenn wir eines Tages vor Gott stehen, können wir uns nicht auf die Mitgliedschaft in der NAK berufen; nicht auf die Taufe; nicht auf einen Stammapostel; nicht auf gute Werke; nicht auf die Versiegelung; nicht auf die Freisprache von Sünden durch einen Apostel. Wir können nur JESUS unser Leben übergeben, IHM unsere Sünden bekennen, dann wird Jesus selbst in uns wohnen (Röm 8,9-10) und Gott wird sich freuen und uns aufnehmen in sein Reich.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit uns allen.

Liebe Grüsse

Jürg

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