Zeugnisse

Bert L.*

Gottlob, ich bin frei!

Ich danke GOTT immer wieder, dass ich wach werden durfte ... Gottlob, ich bin frei!

Jetzt fünf Jahre nach meinem Ausstieg aus der Neuapostolischen Kirche möchte ich "meine Geschichte" erzählen, um vielleicht endlich Frieden zu finden, aber auch um anderen Mut zu machen, endlich das zu tun, wovor man sich fürchtet, nämlich die NAK-Lehre ernsthaft zu hinterfragen.

Eigentlich weiß ich gar nicht wann der innere Bruch mit der Lehre kam. Vielleicht schon als Kind (Instinktiv) als der sonntägliche Kirchgang für mich, als kurzgeschorenes Mitglied der Sondergemeinschaft im Dorf, vor den Schulkameraden zum Spießrutenlauf wurde. Unter der Woche wurde ich gemieden und nicht selten aufs tiefste beleidigt (Schweinepriester u.ä.). Oder als ich im Religionsunterricht (Altes Testament) erschrocken erfuhr, dass im Namen Gottes, Millionen von Menschen umkamen, grausamste Kriege geführt wurden. In der Sonntagsschule sangen wir dann aus voller Brust, dass Gott die Liebe sei, für mich ging das damals nicht zusammen. Später als Religionslehrer sollte ich selber freudig dieses lehren, ich hatte immer ein schlechtes Gefühl dabei. Vielleicht kam der Bruch aber auch erst als ich als 35-jähriger Unterdiakon und Vater dreier Kinder, immer unter Vollast im Werke Gottes tätig, den Satz von meiner Frau hörte: "Ich kann und will nicht mehr, wir trennen uns, nimm Du die Kinder". Schließlich wäre ich auch mal dran meinte sie. Das war wie ein Genickschuss.

Ich grübelte Tage und Wochen vor mich hin, suchte verzweifelt nach Erklärungen. Oft dachte ich an eine Aussage meines Vorstehers, dass er unter dem "Verbundensein" im Brüderkreis verstehen würde: "Wenn einer Schläge bekommt, müssen alle anderen aua schreien". Im Nachhinein klang das wie ein Hohn. Denn wenn jetzt einer "Schläge" bekam, dann war ich es. Von brüderlicher Nächstenliebe war rein gar nichts zu spüren. Man mied mich, einige wechselten sogar die Straßenseite, wenn man mich sah. Ich fühlte mich wie die sprichwörtlich "heiße Kartoffel", die man fallen ließ.

Es kam, wie es kommen musste. Erst hinterfragte ich die Geschehnisse, dann die Lehre der Neuapostolischen Kirche, weil alles nicht zusammen passte. Ich recherchierte im Internet, war unzählige Male auf dieser Web-Site, verglich die angeführten Bibelstellen. Das Glaubensgerüst, welches mich über all die Jahre gehalten hatte stürzte über mich zusammen. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Wut, wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird, kann man gar nicht beschreiben. Aber jeder, der als "treuer NAK´ler" soweit gekommen ist, kennt es.

Oft läuft auch heute noch der Film meines Glaubenslebens vor mir ab. Meine strenge Erziehung, geprägt durch die (ich sage bewusst) HERRSCHAFT des Bezirks Apostels Schuhmachers. Das hieß: Kein Fernseher, kein Radio, keinerlei sportliche Aktivitäten außerhalb der Schule, auch kein Fußball auf der Straße, schließlich würde der Apostel ja auch kein Fußball spielen. Ergebnis siehe oben. Noch heute spüre ich die schallenden Ohrfeigen, die ich bekam, nur weil mein Vater wieder einmal Micky-Maushefte unter meinem Kopfkissen fand. Ich kann mich noch daran erinnern, wie entrüstet ich war, als ich das erste mal nach der Konfirmation beim Bezirks-Jugendchor Jugendliche sah, die ihre Haare über den Ohren trugen.

Die Jugendzeit verlief ähnlich "muffig" und lebensfremd. Mit 19 nicht wirklich gelebten Lenzen, lernte ich meine Frau kennen. Wie es sich gehörte, wurde auch bald geheiratet. Schnell, und vor allem unbemerkt, begann das schon an anderer Stelle erwähnte Drama: Unzählige gebügelte Hemden, unzählig allein verbrachte Abende und unzählig nicht geführte Gespräche. Meine Frau war zu 95 % eine Alleinerziehende. Alles drehte sich bei uns nur um die Kirche. Die Abende, der Sonntag sowieso, sogar teilweise die Samstage gehörten der NAK. Wenn man nach Entschlafenengottesdiensten o.ä. mal frei hatte, wurde in irgendwelchen Krankenhäusern gesungen. Als dramatisch empfand ich immer die Momente, wenn ich in meiner Zeit als Unterdiakon zum Mitdienen gerufen wurde. Wie ein zitterndes Häufchen Elend stand ich am Altar. Mir wurde schwarz vor Augen und ich bekam keinen Ton über meine Lippen. Ich hatte mir nie vorstellen können, dass der Heilige Geist sprachlos sein konnte. Einmal habe ich aus Versehen statt Amen, Tschüss gesagt.

Mein NAK-Dasein endete damit, dass ich nach kurzer Zeit mit meinen Kindern den Gottesdiensten fernblieb. Drei Jahre später trat ich dann offiziell aus der Kirche aus.

Was ist geblieben? Immer mehr machte ich mir Gedanken, durchforstete das Internet nach ähnlichen "Geschichten", die es ja zu Haufe gibt. Ich wünsche mir Gesprächspartner um das Erlebte zu verarbeiten, aber die habe ich nicht. Selbsthilfegruppen gibt es in meiner Umgebung nicht. Meine jetzige Ehefrau hat zwar viel Verständnis, aber da sie evangelisch ist hat sie keine Ahnung was in meiner Vergangenheit "so abging". Im Nachhinein empfinde ich mich als ein grausam manipuliertes Wesen, dass neu Leben lernen musste. Ich war es nicht gewohnt, allein Entscheidungen zu treffen. Aber ich lernte und lerne immer mehr. Es gibt kein schlechtes Gewissen mehr, weil man den Zehnten nicht opfern kann oder aus beruflichen Gründen eine "Segensstunde" nicht auskaufen kann. Jetzt lebe ich das mir von Gott geschenkte Leben und das gerne. Ich sehne mich nicht mehr nach irgendeiner Heimat, denn ich habe sie schon auf Erden, den Kreis meiner Familie.

Ich danke GOTT immer wieder, dass ich wach werden durfte. Heute bete ich intensiver als je zuvor und habe ein viel entspannteres Verhältnis zu ihm, weil er mir nicht mehr als ein immer strafender vor Augen geführt wird, dessen Segen man sich mit Geldopfer erkaufen muss. In Johannes 3 Vers 16 steht: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." Man kann die Bibel bis zu Ende lesen, nirgendwo wird man finden, dass man deswegen neuapostolisch sein muss. Keine Glaubensgemeinschaft wird den Heiligen Geist für sich beanspruchen können, denn er weht mit Macht durch a l l e Reihen. Vorstellen konnte ich es mir sowieso nie, dass ich armes Würstchen es einmal besser haben sollte als Mutter Theresa.

Ich denke auch an Zeiten zurück, wo ich mich in der Gemeinschaft der "Gotteskinder" wohl gefühlt habe. Aber es ist nun mal so, dass Gefühle nichts über die Richtigkeit einer Sache aussagen. Wenn man sich eine Dosis Heroin spritzt, fühlt man sich angeblich auch wohl, nur richtig ist das noch lange nicht.

Der Weg den ich seit meinem Ausstieg gegangen bin war weiß Gott nicht leicht. Ich habe viel im Stillen geweint und gehadert. Ich weiß jetzt, welch ein Kampf es ist, sich von einer Droge zu befreien aber es hat sich gelohnt!

Gottlob, ich bin frei!

Schon die alten Reformatoren sagten: SOLA SCRIPTURA - Nur die Schrift zählt.

Bert L. aus M.

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